Raymond Willemet 1913 - 1944 Bearbeiten
Geboren 29.12.1913 in Rocroi
Gestorben 29.4.1944 in Mauthausen
Biografie
Während des Krieges wohnte der Absolvent der Elite-Hochschule Ecole polytechnique Raymond Willemet mit seiner Frau Anne-Marie (geb. Chamoux) am Boulevard Malesherbes Nr. 145 in Paris. Als Leutnant des 61. RAD (régiment d’artillerie divisionnaire – Artillerieregiment) geriet er am 19. Juni 1940 in Buffon (Departement Côte-d’Or) in Gefangenschaft. Zunächst wurde er im Lager Mailly (Departement Aube) inhaftiert, bevor er unter der Nummer 2590 nach Deutschland überstellt und vom 13. August 1940 bis 5. Juli 1941 im Offizierslager Oflag XI A in Osterode gefangengehalten wurde; am 5. Juli wurde er ins Oflag IV D von Elsterhorst überstellt, wo er am darauffolgenden Tag ankam. Am 3. August 1940 brachte Anne-Marie ihre erste Tochter Françoise auf die Welt. Anfang September erfuhren die Veteranen des Ersten Weltkriegs, dass ihre Freilassung bevorstand. Beim Appell der entlassungsfähigen Männer nahm Raymond den Platz eines Nachzüglers ein, der aber kurz danach eintraf, wodurch die Gruppe einen Mann zuviel zählte – die Appelle wurden solange wiederholt, bis Raymond Willemet entdeckt wurde, zu diesem Zeitpunkt befand sich die Gruppe am Bahnhof von Leipzig. Er kam ins Gefängnis und wurde für einige Zeit ins Oflag IV D von Elsterhorst zurückgebracht, bevor er am 15. Dezember 1941 ins Oflag IV C von Colditz überstellt wurde. Als er einige Zeit danach mit mehreren Häftlingen beim Zahnarzt war, inszenierte er ein Ablenkungsmanöver, wodurch ein paar Männer entwischen konnten. 1943 wurde er infolge einer heftigen Auseinandersetzung mit einem Deutschen in Colditz eingesperrt; er versuchte auszubrechen, indem er die Gitterstäbe seiner Zelle durchsägte. Bedauerlicherweise wurde sein Vorhaben von einem Aufseher entdeckt, bevor er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte. Im Anschluss daran wurde er am 8. Juli 1943 ins Oflag X C von Lübeck überstellt. Am 27. Februar 1944 gelang ihm gemeinsam mit M. Caillaud die Flucht; ihre Wege trennten sich gleich nachdem sie den Stacheldrahtzaun überwunden hatten. Gemäß einer Mitteilung vom 26. April 1947 von Herrn Posse, dem Generalintendanten und Leiter des Personenstands und der Forschungsarbeiten des 5. Büros (Forschungsmission) an den Verwalter der französischen Rückführungsmission, soll der Leutnant des 61. RAD Raymond Willemet in Schwartau festgenommen worden sein, bevor er ins Gefängnis Lübeck gebracht und in Fuhlsbüttel (Vorort von Hamburg) verhört wurde; anschließend wurde er nach Mauthausen überstellt.
Mauthausen war das einzige Lager der Stufe III und wurde aus diesem Grund zum ausschließlichen Exekutionsort des am 4. März 1944 von Ernst Kaltenbrunner unterzeichneten „Kugel“-Erlasses gewählt:
„Gestapo Köln
4. März 1944
Streng vertraulich – Geheimangelegenheit der Regierung.
Betreff: Maßnahmen gegen wiederergriffene flüchtige kriegsgefangene Offiziere und nichtarbeitende Unteroffiziere – mit Ausnahme britischer und amerikanischer Kriegsgefangener. Das OKW [sic] hat Folgendes angeordnet:
1. Jeder wiederergriffene Offizier oder ‚nichtarbeitende Unteroffizier‘ mit Ausnahme britischer und amerikanischer Kriegsgefangener ist dem ‚Chef der Sipo u. d. SD‘ mit dem Kennwort ‚Stufe III‘ zu übergeben, unabhängig davon, ob die Flucht im Zuge eines Transports erfolgt und ob es sich um eine kollektive oder Einzelflucht handelt.
2. Da diese Überstellung der Kriegsgefangenen an die Sicherheitspolizei unter keinen Umständen offiziell bekannt werden darf, werden die anderen Kriegsgefangenen in keiner Weise über die Wiederergreifung dieser Gefangenen informiert. Diese Kriegsgefangenen müssen der Wehrmachtsauskunftsstelle als ‚geflohen und nicht wiederergriffen‘ gemeldet werden. Dementsprechend ist mit ihrer Post zu verfahren. Bei Anfragen von Vertretern des Internationalen Roten Kreuzes ist dieselbe Auskunft zu erteilen.“
Am 29. April 1944 wurde Raymond Willemet gleichzeitig wie Bernard Brunet und Bernard Mairesse exekutiert. Offiziell wurden sie erhängt. Doch bereits am 10. Mai 1945 informierten Oberst Paul Guivante von Saint-Gast und Jean Veith – beide hatten eine Stelle im Arbeitseinsatz, wobei Jean Veith dort vom 25. Juni 1943 bis 19. Februar 1945 tätig war, nachdem er am 2. Juni 1943 der Politischen Abteilung zugewiesen worden war – den amerikanischen Oberstleutnant Henry H. Mize, der ihre Aussagen zu Protokoll nahm, dass die „Kugel“-Gefangenen in den Block 20 geleitet wurden, wo die Hinrichtungen mit Hilfe eines Messgerätes durchgeführt wurden; sobald das Gerät den Oberkopf berührte, wurde automatisch ein Schuss ausgelöst. Sie fügten hinzu, dass die Häftlinge vergast wurden, wenn die Anzahl der K-Häftlinge sehr hoch war. Der Exekutionsmodus wurde von Ignacy Bukowski und Tadeusz Lewicky bestätigt, als sie am 10. Mai 1980 in Sankt Georgen in Anwesenheit von Pierre Serge Choumoff und Jean Gavard interviewt wurden:
„Schlussendlich wurde in der Nähe des Krematoriums ein unterirdischer Exekutionsort geschaffen, der ‘Genickschuss’ genannt wurde; als das Opfer hereingeführt wurde, wurde es aufgefordert, sich für ein Foto mit dem Gesicht zur Wand zu stellen. Der Revolver wurde gegen den Kopf gerichtet und das Opfer exekutiert. Wir warteten hinter der Türe, und sobald wir den Schuss vernommen hatten, gingen wir hinein, um die Leiche wegzuschaffen, bevor wir den Nächsten hineinbrachten und so weiter.“
Raymond Willemet wurde mit der Ehrenlegion und dem Kriegskreuz geehrt. Am 26. Juli 1971 erhielt er die Auszeichnung Mort pour la France (Für Frankreich gestorben) und den Titel Déporté résistant (Deportierter Widerstandskämpfer).
Adeline Lee
Quellen:
SHD (Service Historique de la Défense - Zentrales Archiv des französischen Verteidigungsministeriums und der französischen Armee), Akte zur Beantragung des Titels Deportierter Widerstandskämpfer für Raymond Willemet, Aufzeichnung von Informationen aus der Dokumentation von Kriegsgefangenen, MA 40/3, 40/1, 26 P 1122, 26 P 1123.
Archive des Vereins Amicale de Mauthausen, Mappe 451/1; PS-1650 (USA-246) und Nürnberg 3.12.1945 T 3 S. 513-514; Privatarchive von Pierre Serge Choumoff, Dokumentation CHAG.
Literatur:
Yves Congar, Leur Résistance, Mémorial des officiers évadés de Colditz et de Lubeck morts pour la France (Ihr Widerstand, Denkmal für die aus Colditz und Lübeck geflohenen und für Frankreich gestorbenen Offiziere), Paris, 1948, S. 101-108.
Procès des Grands criminels de guerre devant le tribunal militaire international de Nuremberg (Prozess der hochrangigen Kriegsverbrecher am internationalen Militärgericht Nürnberg), offizielle Dokumente, offizieller Text in französischer Sprache, Nürnberg, Verlagshaus Lawrence Dee.