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Bolesław Martynowski 1910 - 1945 Bearbeiten

Geboren 21.1.1910 in Kiew / Kyjiw
Gestorben 26.1.1945 in Melk

Biografie

Geboren 1910 in Kiew im Russischen Reich in einer polnischen Familie. 

Die Familie kehrte 1920 nach Polen zurück. Er absolvierte eine landwirtschaftliche Schule. Er arbeitete im Familienunternehmen, das eigene Kinos betrieb. Außerdem trat er in verschiedenen Theatern als Schauspieler, Tänzer und Sänger auf. Im August 1939 wurde er zur Armee einberufen, in das 34. Infanterieregiment. Vermutlich am 3. September wurde er gefangen genommen. Er war Gefangener des Stalag II B, Gefangenennummer 5292. Im Oktober 1940 wurde er aus dem Lager entlassen und zur Zwangsarbeit auf einem Bauernhof auf dem Gebiet des Dritten Reichs im Dorf Stepen (im Landkreis Neustettin, heute Polen) zugeteilt, von wo aus er Briefe an seine Familie schickte.  

 

19. November 1940 

Liebste Halcia! 

Ich habe Deinen Brief erhalten, den Du am 6. dieses Monats geschrieben hast. Ich habe Dir nicht sofort zurückgeschrieben, denn erstens bin ich jetzt so apathisch, dass ich, wenn ich in mein Zimmer komme, absolut nichts mehr auf die Reihe kriege, und zweitens gibt es von mir nichts Neues zu berichten. Der Kollege, mit dem ich zusammen war, ist zum Arbeitsamt gegangen und ich weiß nicht, ob er entlassen wird, weil sie versucht haben, ihn zu holen, oder ob er versetzt wird. Jetzt bin ich allein, denn ich gehe selten ins Dorf, ich spreche [zeitweise] ein paar Tage lang mit niemandem, denn ich spreche mit niemandem außer den Bauern, und das nur dienstlich, manchmal wechsle ich den ganzen Tag lang kein Wort mit anderen. 

Eine Sache, von der es mehr als nur genug gibt, [im Original: die mir hier nicht fehlt] ist die Arbeit, denn eigentlich muss ich alles selbst machen. Ich stehe etwa zwei Stunden früher auf als alle anderen, füttere 2 Pferde, 9 Kühe, 3 Kälber und mehr als 10 Schweine, schaufle Mist und streue Stroh, dann bringe ich, was man braucht, frühstücke und gehe aufs Feld. Ich komme nicht zum Mittagessen zurück, weil jetzt die Tage kurz sind, ich nehme nur das Futter für die Pferde und Brot für mich mit, kehre [erst] in der Abenddämmerung zurück, mache alles sauber, füttere die Pferde und gehe dann wieder in mein Quartier. Wenn das so weitergeht, werde ich wohl vergessen, Polnisch zu sprechen, und ich werde nicht in der Lage sein, Deutsch zu lernen (was ich meine, ist, Deutsch richtig gut zu sprechen [im Original: meine ich gut], denn ich kann mich schon verständigen). 

In Stepen gibt es nur drei von uns im Dorf und ich bin anderthalb Kilometer vom Dorf entfernt, in anderen Dörfern gibt es viel mehr Polen und es gibt auch polnische Frauen, aber ich gehe nirgendwo hin, nicht weil es verboten ist, sondern weil ich einfach nicht will, anscheinend bin ich zu alt zum Spazierengehen, ich sitze lieber. Ich lege immer wieder Patiencen, ich habe alte Karten für 50 Pfennig gekauft und ich lege diese Patiencen, die wir schon immer gelegt haben, aber in einer verkürzten Form, nur mit einem Deck und ab den Siebenern. Ich werde es langsam zu etwas bringen. Meine Schnürschuhe habe ich besohlen lassen (mit Gummisohlen, da es hier keine anderen Sohlen gibt) und ich habe sie auch flicken lassen. Dafür habe ich 5 Mark und 50 Pfennige bezahlt; und von einem Franzosen habe ich Handschuhe für 2 Mark gekauft. Die Handschuhe werden warm sein, denke ich. Sie haben nur einen Finger. Auf dem Handflächenbereich muss ich nur etwas Stoff aufnähen, weil die Handschuhe sich sonst viel zu schnell abnutzen würden. Darüber hinaus habe ich kein Glück, was lange Unterhosen anbelangt, aber ich habe den Bedarf bereits beim Ortsvorsteher angemeldet und vorausgesetzt, dass eine Erlaubnis für den Kauf aus Neustettin [Szczecinek] kommt, werde ich sie mir beim nächsten Zahltag kaufen, der genau zur Weihnachtsbescherung sein wird. Bis jetzt hatten wir 12 Mark im Monat bekommen, aber im letzten Monat waren es bereits 23 Mark, denn genau gestern haben wir für den letzten Monat unterschrieben. Bitte lasst mich wissen, wie es Euch geht und ob alle gesund sind, macht Euch keine Sorgen um mich, ich komme schon zurecht. 

Einen dicken Kuss an Euch alle 

Bolek 

 

Im Herbst 1944 wurde in dieser Gegend eine polnische Aufstandsorganisation entdeckt, mit der er angeblich zusammengearbeitet haben soll. Es gelang ihm unterzutauchen, aber im Januar 1945 wurde er verhaftet und in ein Konzentrationslager nach Österreich deportiert. Er starb am 26. Januar 1945 in Melk. 

 

Alicja Ronisz, Urenkelin seiner Schwester, und Andrzej Ronisz, Enkel seiner Schwester 

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