Alois Roth 1894 - 1945 Bearbeiten
Geboren 8.12.1894 in Obergünzburg
Gestorben 22.3.1945 in Mauthausen
Biografie
Alois (Aloisius) Roth, geboren am 8. Dezember 1894 in Obergünzburg, entstammte einer alteingesessenen Land- und Gastwirtsfamilie. Alois Roth wuchs als viertgeborenes Kind mit seinen sechs Geschwistern im Zentrum Obergünzburgs auf. Die Volkschule besuchte er von 1901 bis 1908. Obergünzburg war zur damaligen Zeit eine kleine, bäuerlich-dörfliche Marktgemeinde im Allgäu in Bayern mit etwa 1700 Einwohnern.
Bis 1921 wohnte Alois Roth im elterlichen Anwesen am Marktplatz; im Anschluss daran sind verschiedene Wohnungsadressen in Obergünzburg bekannt. Viermal zog Roth von Obergünzburg weg und dann wieder zu. Etwa vom Jahreswechsel 1940 an bis zu seiner Deportation in das KZ Auschwitz am 15. Februar 1944 – von dort wurde er am 26. Jänner 1945 ins KZ Groß-Rosen und am 15. Februar 1945 ins KZ Mauthausen deportiert – ist sein Aufenthalt in einem ausrangierten Eisenbahnpersonenwaggon durch Zeitzeugen bezeugt. Dieser Waggon stand schon längere Zeit aufgebockt am östlichen Ortsrand von Obergünzburg, unmittelbar an einem kleinen Bach gelegen. „Im Eisenbahnwaggon befanden sich ein Tisch und alte Stühle sowie ein Ofen mit viel Holz“, so eine Zeitzeugin.
Diese Zeitzeugin erinnert sich auch, dass ihr Vater (sie selbst war damals etwa neun oder zehn Jahre alt) öfters sagte: „‚Jetzt gehen wir zum Alois [Roth] naus.‘ Der war redselig, ein lustiger Mensch, der viel zu erzählen hatte. Er hat viel gewusst und gerne erzählt. Er war eine durstige Seele und hatte immer Bier parat; wenn man kam, holte er unter einer Pritsche eine Kiste Bier hervor. Dann kam immer wieder eine Unterhaltung zustande.“ Auch ein anderer Zeitzeuge war mit seinem Vater bei Herrn Roth: „‚Jetzt gehen wir zum Lois [Alois Roth], na, der hat was zu erzählen.‘ Wir sind dann einige Zeit bei ihm geblieben, weil er so unterhaltsam war. Das hat uns einfach so gut gefallen.“
Neben seinem „Wohnraum“ besaß Alois Roth eine Kleiderkarte, versorgte sich ansonsten durch Hilfs- und Gelegenheitsarbeiten, Lebensmittelspenden sowie durch kleinere „Mitnahmen“ und durch „Besorgungen“ für Dritte. Roth war in den 1930er-Jahren immer wieder im örtlichen Amtsgefängnis wegen Diebstahl, Betrug, Zechprellerei und „groben Unfugs“ für ein paar Tage bis hin zu mehreren Wochen in Haft. Zwei längere mehrmonatige Haftstrafen in Strafanstalten wegen Diebstahl und Betrug sind ebenfalls bekannt.
Ein weiterer Zeitzeuge berichtet, dass ihm Roth, als er 13 oder 14 Jahre alt war, „in einem braunen Anzug, auf dem Kopf einen schwarzen Schlapphut [entgegenkam]. So erschien er stets am Sonntag zur Zeit des Kirchgangs. Viel hielt er sich damals im ‚Grünen Baum‘ [örtliche Gastwirtschaft] auf, war dort sozusagen ‚Hausl‘. Niemand sprach mit Hochachtung von ihm.“ Ein anderer Zeitzeuge erinnert sich ebenfalls noch gut an Alois Roth: „Meine Mutter war mit Alois Roth in die Schule gegangen, deshalb kam er auch recht oft bei uns auf dem Bauernhof vorbei. Manchmal kam er speziell zu meiner Mutter und sagte: ‚Marie, hast nichts für mich?‘ Manchmal nahm er auch im Vorübergehen ein paar Eier aus dem Hühnerstall mit und sagte dann: ‚Danke schön, Marie.‘ Er hat meistens nichts geschafft; man hat ihn halt machen lassen, er hat niemandem etwas getan. Der Roth war nicht unrecht, war harmlos, war nicht politisch.“ Aber, so der Zeitzeuge weiter: „Alle mussten damals schaffen. Der Roth hat nicht regelmäßig gearbeitet.“
Manche Leute im Ort wollten das nicht mehr hinnehmen. 1944 arbeitete einer der Zeitzeugen im Rahmen landwirtschaftlicher Arbeiten am Bahnhof Günzach, nahe Obergünzburg. Zwischendurch begab er sich zum Essen in die damalige Bahnhofswirtschaft. Die Wirtschaft war zugleich Warteraum für die Reisenden. Während des Essens kam ein Polizist mit Roth in den Warteraum; dort hörte ihn der Zeitzeuge zum damaligen Wirten Kämmerle sagen: „Gib mir noch ein Bier. Jetzt werden wir uns dann nimmer sehn, jetzt bringen sie mich fort.“ Alois Roth verstarb am 23. März 1945 um 5.25 Uhr im Sanitätslager des KZ Mauthausen.
Wilhelm Weinbrenner
Wilhelm Weinbrenner ist Koordinator der Projektgruppe der Arbeitsgemeinschaft „Lokalgeschichte Obergünzburg“ und ehrenamtlicher Mitarbeiter im Kommunalarchiv der Marktgemeinde Obergünzburg.
Quellen:
International Tracing Service Bad Arolsen, Häftlingspersonalkarte des KZ Mauthausen, 1.1.26.3/1725234/ITS Digital Archive.
International Tracing Service Bad Arolsen,Totenbuch des KZ Mauthausen, 1.1.26.1/1290232/ITS Digital Archive.
Gemeindearchiv Obergünzburg, Bestand Arbeitsgemeinschaft Lokalgeschichte, Zeitzeugenprotokolle 3.5.2006/17.1.2007/27.5.2014/9.7.2014.
Staatsarchiv Augsburg, Amtsgericht Obergünzburg, Gefängnisbuch A.