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Franciszek Przybył 1884 - 1940 Bearbeiten

Geboren 22.2.1884 in Oleszno
Gestorben 10.9.1940 in Gusen

Biografie

Diese Geschichte wird von der Enkelin von Franciszek Przybył niedergeschrieben. Sie basiert auf den Erinnerungen und Erzählungen meines verstorbenen Vaters Jerzy Przybył sowie auf Dokumenten, die sich in meinem Besitz befinden.

Mein Großvater – Franciszek Przybył – wurde am 22. Februar 1884 in Oleszno im Landkreis Szubin geboren. Er war römisch-katholisch und seine Muttersprache war Polnisch. Er sprach auch Deutsch.

Er war der Sohn von Wawrzyn und Maria. Seine Frau war Zofia Przybył, geborene Szynklewska, die Hochzeit fand am 22. Oktober 1919 statt. Er hatte ein Kind, einen Sohn Jerzy, meinen späteren Vater, der am 7. März 1923 geboren wurde. Sie ließen sich in Janów bei Środa Wielkopolska nieder.

Während des Ersten Weltkriegs diente mein Großvater in der preußischen Armee, da das Großpolnische Gebiet damals zu Preußen gehörte. Sein Dienst dauerte vom 22. Oktober 1914 bis zum 22. Dezember 1918. Die Daten der Einberufung sind den Einträgen in seinem Wehrpass zu entnehmen.

Mein Großvater war von Beruf Förster und er arbeitete auf den Ländereien des Grafen Adolf Bniński.

Der Graf war vor dem Krieg Eigentümer vieler Ländereien in der Umgebung, darunter auch der Wälder, in denen mein Großvater arbeitete. Graf Bniński war ein großer Patriot und Staatsmann. Während des Krieges wurde er von den Besatzern inhaftiert und starb unter nicht ganz geklärten Umständen durch die Hand der Nazis.

In meiner Familie hatte er jedoch keinen guten Ruf. Aus den Erzählungen meines Vaters ging hervor, dass der Graf seinen Mitarbeitern keinen Lohn zahlte und ihnen den Lohn für zwei Jahre Arbeit in der Forstwirtschaft schuldete. Schließlich reichten sie eine Sammelklage bei Gericht ein und gewannen den Fall. Der Graf war gezwungen, die ausstehenden Löhne zu zahlen, aber mein Großvater konnte nicht mehr für ihn arbeiten. Von der Entschädigung mietete er einen kleinen Laden, wahrscheinlich in Czempiń, den er zusammen mit meiner Großmutter bis zum Ausbruch des Krieges führte. Sie mussten den Laden schließen und waren nun mittellos. Das war wenige Monate vor Ausbruch des Krieges, der das Leben dieser ruhigen Familie aus Großpolen völlig veränderte.

Wahrscheinlich wegen seiner Vergangenheit und weil er eine polnische Försteruniform trug, wurde mein Großvater im Frühjahr 1940 verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Bei der Verhaftung schlugen die Deutschen meine Großmutter, die protestierte und ihren Mann verteidigen wollte. Sie schlugen ihr auf die Nieren, die nie wieder ihre volle Funktion zurückerlangten. In Dachau hatte mein Großvater Franciszek die Häftlingsnummer 9577 und wurde im Block 11/1 untergebracht. In den Familienunterlagen befindet sich der einzige Brief, den er an meine Großmutter Zofia geschickt hatte. Datiert ist dieser auf den 15. Juli 1940. Er wurde auf Deutsch auf einem Lagerformular geschrieben und enthielt kryptische Beteuerungen über seinen angeblich guten Gesundheitszustand und sein Wohlbefinden. Mein Großvater drückte in diesem Brief auch seine Sorge um die Gesundheit seiner Frau und seines Sohnes aus und er war sehr besorgt, ob sie etwas zu essen hatten. In dem Brief dankte er einer Frau Maćkowiak dafür, dass sie meine Großmutter Zofia bei sich aufgenommen hatte.

Wir wissen nicht, wann und warum mein Großvater aus dem Konzentrationslager Dachau in das Konzentrationslager Mauthausen-Gusen, eines der härtesten, wenn nicht sogar das härteste Arbeitslager, verlegt wurde. Hier hatte er dieselbe Nummer, 9577, und war im Block 21, Platz 13, untergebracht. Von hier aus schickte er am 11. August 1940 den einzigen und, wie sich bald herausstellte, letzten Brief an seine Frau Zofia. Dieser Brief war sogar noch kürzer, er bestand aus drei Sätzen, in denen er seinen aktuellen Aufenthaltsort mitteilte, dass er keine Antwort auf seinen zweiten Brief erhalten habe (der meine Großmutter nie erreicht hatte) und dass er natürlich gesund wäre. Das war alles. Am Ende grüßte er herzlich seine Frau und seinen Sohn. Wahrscheinlich wusste er nicht, dass sein Sohn zu dieser Zeit ebenfalls verschleppt und als 17-jähriger Bursche zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert worden war, wo er bis zum Ende des Krieges, bis zu seiner Befreiung, arbeiten musste.

Der nächste Brief, den Großmutter Zofia erhielt, war bereits ein Telegramm aus dem Konzentrationslager Mauthausen, in dem ihr der Tod des Großvaters Franciszek mitgeteilt wurde, der am 10. September 1940 um 13.30 Uhr verstorben war. Als Todesursache wurde Herzinfarkt angegeben.

Mein Großvater hatte in einem solchen Konzentrationslager keine Überlebenschance. Aus seinem Wehrpass geht hervor, dass er eher von zierlicher Statur war, 166 cm groß und 61 kg schwer.

Warum habe ich das Bedürfnis, die Geschichte meines Großvaters zu erzählen?

Mein Großvater konnte von seiner Familie nicht christlich bestattet werden, er hat kein Grab, wie Tausende andere Häftlinge dieses und anderer Konzentrationslager. Für unsere Familie war das immer sehr schmerzhaft. Wir hatten das Gefühl, dass wir etwas tun mussten, nach Mauthausen fahren, vielleicht unter einem Kreuz eine Kerze anzünden, um seiner zu gedenken. Für meine Großmutter und meinen Vater war er schließlich keine Nummer, er war ein liebender Vater und Ehemann, die einzige Stütze und der Ernährer der Familie. Es war schrecklich für uns, dass wir sein Schicksal und die Umstände seines Todes nur erahnen konnten, dass wir mehr von Historikern erfuhren als aus eigenen Nachforschungen. Wir hatten das Gefühl, meinen Großvater im Stich gelassen zu haben, als hätten wir ihn vergessen, schließlich gibt es nicht einmal eine Grabstätte...

Bis zum 1. November 2024, vor dem Totenfest[1], als meine Gedanken wieder an den Ort der Qualen meines Großvaters zurückkehrten. Rührung, Freude, Tränen, Ungläubigkeit, Emotionen ... All das begleitete mich, als ich den Vor- und Nachnamen meines Großvaters in die Suchmaschine einer Website eingab und ihn fand! Das Geburts- und Sterbedatum stimmten überein. Für uns, für die Familie, war es, als hätte er sich nach mehreren Jahrzehnten der Abwesenheit wiedergefunden. Er war da! Er hatte einen Vor- und Nachnamen, er stand auf der Liste der Opfer dieses Konzentrationslagers, er hatte einen Platz im Raum der Namen! Das Gefühl der Erleichterung war unglaublich. Vielleicht sogar Freude, wenn da nicht die Umstände und der Ort der Entdeckung gewesen wären.

Ich bedaure nur, dass mein Vater das nicht mehr erleben konnte. Als Opfer von fünf Jahren Zwangsarbeit in Deutschland trug er ein Trauma in sich und erinnerte sich nicht gern an die Kriegszeit. Der Verlust seines Vaters, die Wanderschaft seiner Mutter durch fremde Häuser und bei fremden Menschen, seine Arbeit bei deutschen Bauern und in einer Schlachterei, die Ungewissheit über die Zukunft – all das musste tiefe Spuren in der Psyche des kleinen Jungen hinterlassen haben, der der einzige Sohn und der ganze Stolz seiner Eltern war.

Ich möchte noch hinzufügen, dass weder meine Großmutter noch mein Vater, die den Krieg überlebt haben, jemals eine Entschädigung erhalten haben, nicht einmal eine symbolische...

Ich bin der Gedenkstätte Mauthausen dankbar für die wahrscheinlich monate- und jahrelange Arbeit an den in den Archiven des Lagers verbliebenen Sammlungen, die es ermöglichten, die Opfer zu identifizieren, ihnen ihre Identität und Würde zurückzugeben, indem der Raum der Namen eingerichtet wurde – eine Gedenkstätte, die für diese Menschen ein symbolischer, aber nicht namenloser Ort der Bestattung ist. Zusammen mit meiner Familie wollen wir nun unsere Pflicht erfüllen und den Ort besuchen, an dem mein Großvater gestorben ist, eine Kerze anzünden und für seine gequälte Seele beten, vielleicht auch für seine Peiniger, die in diesen verrückten Zeiten ihren Verstand verloren und vielleicht sogar ihre Seelen an den Teufel verkauft haben.

 

Renata Murczak, Enkelin (2025)

 

[1] Anm. d. Übers.: Übersetzung gemäß Original, es wird im Polnischen nicht der Begriff „Allerseelen“ verwendet.

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