Florián Ibáñez Marín 1903 - 1941 Bearbeiten
Geboren 27.3.1903 in Almansa
Gestorben 6.9.1941 in Gusen
Biografie
Barcelona, 1920er-Jahre und danach
Florián Ibáñez Marín arbeitete mit seinem Schwager Antonio Sarrió Muñoz in einem kleinen Geschäft nahe der Hausnummer 1 in der Avinguda Mare de Déu de Montserrat bei der Straßenbahn Nr. 24. Für ihre Familien kauften beide gemeinsam ein Grundstück mit einem Häuschen, dem sie ein weiteres Haus im Carrer Josep Serrano 23 hinzufügten. In die zweite Wohnung gelangte man über den Gang und das Esszimmer der ersten. Die Familie bewahrt noch ein Foto von Florián auf, das ihn im Garten mit seinen Schwestern zeigt. Er war sehr dünn, braungebrannt und trug einen prächtigen Schnurrbart. Auf seinem Schoß sitzt eine Katze.
Für den Zeitraum 1936–1939 ist die Militärjustiz nach wie vor unsere einzige Informationsquelle. Florián wird in den nachfolgend dargestellten Anklagen mehrmals erwähnt.
1939. Exil von Florián Ibáñez Marín, Verhaftung von Antonio Sarrió Muñoz
Florián kam in Frankreich an. Die Familie erhielt eine heute verloren gegangene Postkarte ohne Stempel. 2016 konnten wir Einsicht nehmen. Er behauptete, wohlauf zu sein.
Barcelona: Antonio Sarrió wurde im Juni 1939 denunziert, verhaftet und vernommen. Er kam vor die Militärjustiz wegen Mord bzw. Beihilfe zum Mord für einen Fall im August 1936, der sich mit oder ohne sein Eingreifen zugetragen hatte. Der Denunziant fügte hinzu: „Sarrió hat einen Schwager, der an dieser Tat beteiligt war und als gefährlich gilt, da er damit prahlte, dreizehn Priester verhaftet zu haben, die er deshalb täuschte, weil er etwas Latein konnte, und der direkt am vermeintlichen Verschwinden besagter Priester beteiligt war.“ Antonio Sarrió verneinte dies. Er erklärte, niemals eine Lang- oder Kurzwaffe benutzt zu haben. Zu Florián befragt, von dem er wusste, dass er in Frankreich wohlauf sei, gestand er laut Transkription:
„Am ersten Tag der Bewegung [Putsch] ging er mit dem Gewehr auf die Straße und hielt Wache im Viertel […] Wenige Tage danach zog er an die Aragonien-Front, von der er später zurückkehrte, ehe er den Karabiniern beitrat. Danach ging er, und ich erfuhr nichts mehr von ihm.“
Als gefährliche Elemente für das neue Spanien, die laut Zeugenaussagen Requirierungen, Plünderungen, Diebstahl und Mord verübt hatten, hätten der angeklagte Antonio und der nach Frankreich geflohene Florián den Wachpatrouillen angehört und an Treffen der FAI (Federación Anarquista Ibérica) in ihrem Wohnviertel Can Baró teilgenommen. Ersterer war Mitglied der CNT (Confederación Nacional del Trabajo) und zudem „als Atheist“ und „extrem rot bekannt“. Letzterer wurde noch schrecklicher dargestellt: „Negus genannt“, sollte er „einer der Haupträdelsführer des Komitees von Can Baró“ gewesen sein. Durch die Zulassung von Zeugen, die zugunsten Antonio Sarriós aussagten und ihn als guten Menschen und gegen seinen Schwager eingestellt darstellten – wobei manch ein Zeuge eine mögliche Verwechslung zwischen beiden Männern geltend machte –, konnte eine Verteidigungsstrategie eingesetzt werden, die zu einer Wende führte. Aus der Anklage wegen Beitritts zum Aufstand wurde Beihilfe zum Aufstand mit erschwerenden Umständen, wodurch der Angeklagte zu zwölf Jahren und einem Tag leichten Kerkers verurteilt wurde, was später in schweren Kerker und danach in abgemilderte Haft umgewandelt wurde. In der Zwischenzeit war Florián, der mittlerweile in eine ausländische Arbeiterkompanie (Compañía de Trabajadores Extranjeros/Compagnie de travailleurs étrangers, CTE) eingetreten war, in Frankreich von den Deutschen gefangen genommen und in einem Kriegsgefangenenlager inhaftiert worden.
Am 13. Oktober 1940 schrieb er an seine Familie vom Stalag XVII-A in Kaisersteinbruch:
„Frau Josefa und sonstige Familie, es wird mich freuen, wenn ihr bei Empfang dieses Schreibens wohlauf seid. Mir geht es derzeit gut. Liebe Grüße von diesem, der euch zu sehen wünscht, euer Freund Florián Ibáñez.“
„Mit so wenigen Worten, zwischen den Zeilen und voller Fragezeichen sowie manch einem Hinweis – da ich wusste, wie mein Vater und mein Großvater die Dinge sagten und dachten – vermittelt mir Floriáns Brief Liebe, Sehnsucht und den Wunsch, mit uns zu sein, gleichzeitig aber auch das Leiden seiner Seele und seines Körpers. Jedes Mal, wenn ich ihn lese, fühle ich mich näher zu IHM und zu all IHNEN.“ (Ana, Floriáns Großnichte)
Man beachte beide Bilder der Briefe. Wir wissen nicht, worauf er mit den Fragezeichen Zeichen hinweisen wollte, doch seine Schwester Josefa dürfte dies verstanden haben.
Paris, 11. Jänner 1941. Sein Name erscheint auf der Liste Nr. 62, die aufgrund der von den deutschen Militärbehörden erteilten Auskunft erstellt wurde. Darin steht, dass er von einer ausländischen Arbeiterkompanie kam. Danach sei er ins Lager Mauthausen und anschließend nach Gusen gekommen.
Gusen, 6. September 1941. Tod Floriáns laut Totenbuch Nr. 264 in einem Eintrag vor der Aktualisierung seiner Datei im Hauptlager. Er wurde 38 Jahre alt.
Barcelona, 10. August 1949. Seine Schwester María schreibt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf an. Der spanische Dienst der Zentralstelle für Kriegsgefangene antwortete:
“Genf, den 17. August 1949
Sehr geehrte Frau Ibáñez,
bezugnehmend auf Ihren Antrag vom 10. August 1949 hinsichtlich Ihres Bruders, Herrn Florián Ibáñez Marín, haben wir die Ehre und die traurige Pflicht ihnen mitzuteilen, dass auf einer Liste, die uns vorliegt und von den ehemaligen Häftlingen des deutschen Konzentrationslagers MAUTHAUSEN, Oberdonau, Österreich, erstellt wurde, folgende Daten eingetragen sind:
‚IBAÑEZ MARIN FLORIAN
Geboren am 27.03.1903 in Almansa (Albacete)
Häftling im Stalag XVII A mit Nr. 80164, überstellt am 07.04.41 nach Mauthausen mit Nr. 4709 und nach Gusen am 21.04.41 mit Nr. 12331.
Gestorben in Gusen am 06.09.41.‘
Dies sind leider die einzigen Details, über die wir zum schmerzhaften Ereignis verfügen, und es ist uns absolut unmöglich, weitere offizielle Auskunft oder Bestätigung zu erhalten. […]“
Am 28. September 1949 schrieb María das Personenstandsregister in Gusen, Deutschland (sic) auf Französisch an. Einige Monate später erhielt sie eine am 26. Jänner 1950 in Bad Arolsen ausgestellte Sterbeurkunde auf Deutsch mit den gleichen Daten. Die Haftstrafe von Antonio Sarrió (1887–1958) endete im Juni 1951. Im Jahr 2003 leiteten die Großneffen und -nichten als Erben ein Verfahren ein, das 2007 endete und sie Florián, einem zum Staatenlosen erklärten „Rotspanier“, näherbrachte. Damit seine Geschichte und sein Kampf nicht in Vergessenheit geraten, forschen wir weiter.
Ana Sarrió und Françoise Bonnet (2022)
Quellen:
Sofern nichts Gegenteiliges angegeben ist, sowie mit Ausnahme der Beschreibung der Wohnung und des Fotos, beruht das Erzählte auf Dokumenten, die von der Familie Sarrió zur Verfügung gestellt wurden bzw. dem ordentlichen Schnellverfahren Nr. 23852 entnommen sind, das im Archiv des Landesmilitärgerichts Nr. 3 Barcelona aufbewahrt wird und in das wir 2019 eingesehen haben.
Die Listen der Kriegsgefangenen können auf der Webseite gallica.bnf.fr der Bibliothèque Nationale de France eingesehen und heruntergeladen werden.
Das Totenbuch von Gusen wird im Archiv in Bad Arolsen, Deutschland, dem internationalen Zentrum über NS-Verfolgung, aufbewahrt. Kursiv geschriebene Passagen von den Autoren.
Anmerkung zu den Listen:
Die Liste, auf die der Brief des Roten Kreuzes verweist, ist dem Mut von Josep Bailina, Casimir Climent und Juan de Dios zu verdanken, die in der Verwaltung des KZ Mauthausen arbeiteten. Josep Bailina überreichte eine Kopie an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in der Schweiz, nachdem er im Juni 1945 eine Liste der in Mauthausen und dessen Nebenlagern ermordeten französischen Deportierten an das französische Ministerium für Kriegsgefangene, Deportierte und Flüchtlinge überreichte, um die Angehörigen zu benachrichtigen. Die kurz davor gegründete Amicale de Mauthausen mit Sitz in Paris veröffentlichte sie in ihren Ausgaben Nr. 3 und 4 jeweils im November 1945 und Februar 1946.
2019: Die spanische Regierung veröffentlichte ihre offiziellen Deportiertenlisten.
***
Am 9. Mai 2014 brachte die Stiftung Salvador Seguí, die sich für die Erinnerung an die libertäre Bewegung einsetzt, eine Gedenktafel zu Ehren von Florián Ibáñez an der Stelle an, wo sein Haus in der Carrer Josep Serrano im Arbeiterviertel Can Baró in Barcelona stand. Bei diesem Anlass, bei dem auch ein Vertreter der Amical de Mauthausen eine Rede hielt, wurde dieses Anarchisten gedacht, der nach einem langen Kampf für die Arbeiterrechte in Hitlers Lagern den Tod fand. Florián wurde am 27. März 1903 in den Schoß einer bescheidenen Familie in Almansa (Provinz Albacete) geboren. In jungen Jahren erlernte er angeblich das Schusterhandwerk. Nach einem Aufenthalt in Elche kam er nach Barcelona, wo er sich endgültig niederließ. In seiner Wohnung in der eingangs genannten Straße lebte auch seine Schwester Josefa. Durch diesen Umstand konnten die Ereignisse nachvollzogen werden, die während der langen Franco-Diktatur verborgen blieben. Als Josefa verstarb, leiteten ihre Töchter die Schritte zum Antritt des Erbes ein. Im Grundbuchamt wurde ihnen mitgeteilt, dass ihr Onkel Florián als Mitbesitzer der Wohnung im Carrer Josep Serrano eingetragen war. Solange sie kein Dokument vorlegen konnten, das dessen Tod beglaubigte, würden sie die Immobilie nicht übernehmen können. Sie waren überrascht, denn sie wussten gar nicht, dass die Wohnung auch ihrem Onkel gehörte, der – so hatte es ihnen die Mutter erzählt – im Krieg ums Leben gekommen war. Sie tappten in mehrerer Hinsicht im Dunkeln: Wo sollten sie zu suchen beginnen? Wie und wo konnten sie Informationen finden, die den Tod ihres Onkels Florián bestätigten? Unter welchen Umständen war er ums Leben gekommen? Wen konnten sie um Hilfe bitten? Zum Glück ermöglichte ihnen die Unterstützung einer Freundin französischer Herkunft, die sich sehr für den Spanischen Bürgerkrieg interessierte, eine Antwort auf all diese Fragen. Durch eine einfache Suche im Internet erfuhren sie, dass ihr Onkel Florián am 6. September 1941 in Gusen ums Leben gekommen war. Anhand dieser Information fanden sie eine Möglichkeit, die bürokratischen Hürden zu nehmen. Dennoch wollten sie mehr über ihren Onkel erfahren. So wurde ihnen bekannt, dass er ein aktiver Anarchosyndikalist war, der in jenen turbulenten Jahren den Klassenkampf an vorderster Front mitführte. Er kämpfte auch als Antifaschist im Spanischen Bürgerkrieg und musste im Zuge der republikanischen Niederlage nach Frankreich ins Exil. Dort wurde er im Frühling 1940 von den Deutschen verhaftet und am 21. Jänner 1941 nach Mauthausen deportiert. Sein letzter Aufenthaltsort war das Lager in Gusen, wo er drei Monate später starb. Die schlichte Metalltafel, die an den Ort erinnert, wo sein Haus stand, wird von den Anrainern wahrgenommen, und obwohl viele nicht wissen, um wen es sich handelt, hat sein Name seinen Weg ins kollektive Gedächtnis der Stadt gefunden.
Juan M. Calvo Gascó, Amical de Mauthausen y de otros campos y de todas las víctimas del nazismo de España
Quelle:
http://www.barceloninsdeportats.org/es/501/ibanez-marin-florian/biografia.html