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Lucien Truffy 1904 - 1945 Bearbeiten

Geboren 31.3.1904 in St-Savin-de-Blaye
Gestorben 23.4.1945 in auf dem Todesmarsch bei Steyr

Biografie

Die beiden Deportierten Lucien Truffy und Georges Mazoyer waren kommunistische Aktivisten, folgten den gleichen Wegen der Deportation und blieben, wie in der Einleitung zu einem Zeugnis von Georges Mazoyer im Bulletin de de l’Amicale de Mauthausen festgestellt wird[1], immer zusammen: nach französischen Gefängnissen und Compiègne folgten die Lager Neue Bremm, Mauthausen, Steyr, Auschwitz, Mauthausen und Wien, schließlich die Zwangsevakuierung angesichts des Vormarsches der sowjetischen Armee.

Im Folgenden eine Übersetzung eines Teils des Textes von Georges Mazoyer, einem handschriftlichen Manuskript von 50 Seiten, erstellt zum Gedenken an seinen Kameraden Lucien Truffy und übergeben an dessen Familie im Jahr 1946:

 

Meiner Kameradin und Freundin

Madame Truffy

in Erinnerung an ihren Ehegatten

gestorben am 23. April 1945

ermordet durch die SS.

Dieser Zeugenbericht von jemandem

der ihn nie vergessen wird.

 

Plötzlich, am 1. April, dem Ostertag, großer Aufbruch im Lager: Wir gingen los, wir wurden zu Fuß Richtung Westen evakuiert. Rasch wurden wir gegen acht Uhr morgens im Lager versammelt. Man zählte uns, dann ließ man die Schwächsten von uns heraustreten. Lucien war unter ihnen. Wir mussten mit Lebensmitteln für einige Tage und einer Decke in drei aufeinanderfolgenden Kolonnen losmarschieren. Die erste Kolonne, die aufbrach, umfasste die Schwachen, und ich war bekümmert, als ich von Lucien getrennt wurde. Die zweite ging einige Stunden danach los, dann die dritte.

Die Kranken blieben im Lager, wir hatten einige Kameraden, die im „Revier“ waren, und wir sollten sie nie mehr wieder sehen. Gewiss wurden sie später ermordet. Wir hatten an alles gedacht, wir hatten diese Evakuierung vorhergesehen und hatten gedacht, dass wir dabei manche Gelegenheit finden würden, um unsere Freiheit wieder zu erlangen. Wir hatten uns in Stoßtrupps formiert, unsere Abteilung hatte eine militärische Ausrichtung. Dem Lagerältesten, ein Häftling, der […] ein deutscher Kommunist war, gelang es, die Kommunisten aller Nationalitäten in die dritte Gruppe einzuteilen, die als letzte aufbrechen musste.

Wir gingen gegen vier Uhr nachmittags los. Nachdem wir die ganze Stadt durchquert hatten, setzten wir unseren Weg am Land fort, wobei wir von weitem die Schlacht um Wien hörten, die eben begann. Wir marschierten den ganzen Nachmittag und einen Teil der Nacht. Auf dem Weg wurden uns Losungen übermittelt, um beim nächsten Halt im Schutz der dunklen Nacht die SS-Wachmänner überraschend anzugreifen. Die Gelegenheit schien günstig, wir waren kaum mehr 20 Kilometer von der Frontlinie entfernt.

Gegen Mitternacht machten wir Halt und befanden uns fast auf einer Wiese, um die Nacht zu verbringen. Wir waren erschöpft und todmüde, unsere Decke und unser Lebensmittelsack rieben uns die Schultern wund. Die Wunden, die ich an den Füßen hatte, ließen mich besonders leiden. Ich fiel mehr, als ich mich legte, ins Gras. Ich erwartete angstvoll die Stunde, da ich mit meiner Gruppe zur Tat schreiten würde, dann fiel ich in einen bleiernen Schlaf.

Am frühen Morgen, als ich erwachte, schliefen meine Kameraden um mich herum fast alle noch, und die SS hielt noch immer Wache bei uns. Was war passiert? Warum dieser Fehler? Ich erfuhr es später. Im letzten Moment konnten sich die Anführer der kommunistischen Parteien nicht verständigen. Aufgrund unserer extremen Müdigkeit zögerten manche, zur Tat zu schreiten, angesichts der geringen Erfolgschancen und wohl wissend, dass ein Scheitern katastrophal für uns gewesen wäre! Die russischen Anführer und andere bedauerten bitter diesen Mangel an einheitlicher Sichtweise. Sie erklärten, sich die Freiheit nehmen zu wollen, ihr Glück selbst zu versuchen, was sie übrigens einige Tage darauf auch erfolgreich taten.

Wir nahmen unseren Weg erschöpft von der Müdigkeit des Vortags wieder auf, doch die Befehle, die die SS-Männer uns zubrüllten, und die brutalen Kolbenhiebe dienten uns als Stimulans. Ein Pole fiel krank zu Boden, er konnte nicht mehr, er setzte sich in den Straßengraben, die Kolonne ging vorbei, dann kam ein SS-Mann und tötete ihn mit einem Gewehrschuss.

Wir verstanden zur Gänze das ganze Drama, das sich abspielen würde. Man musste um jeden Preis durchhalten, die geringste Schwäche bedeutete den Tod, wir fühlten das nahe Ende und wir wollten leben. Wir mussten bis ans Ende marschieren oder sterben. Wir waren erschöpft, am Ende unserer Kräfte, aber wir marschierten, wir marschierten immer noch. Jene, die der Kolonne nicht mehr folgen konnten, wurden unbarmherzig niedergemetzelt. Manchmal sahen wir die Straße gesäumt von Leichen in gestreiften Anzügen; wir wurden sofort identifiziert – eine Kolonne wie unsere war hier vorbeigekommen.

Jeden Tag verringerte sich die Anzahl der in der Kolonne Marschierenden. Individuelle Ausbruchsversuche oder solche in Gruppen kamen vor, aufs Geratewohl. Wenige waren von Erfolg gekrönt, beinahe alle wurden wieder gefasst. Sie wurden sofort erschossen, vor der ganzen Kolonne. Das schien uns nicht sosehr zu beeindrucken, denn die Flucht- und Ausbruchversuche gingen weiter.

Wir waren erschöpft und entkräftet, nur ein Wunder an Willensstärke ließ uns durchhalten und wie Automaten marschieren. Nach einigen Tagen waren unsere Lebensmittelvorräte erschöpft, ein entsetzlicher Hunger herrschte unter uns. Die höllische Horde setzte ihren Weg fort. Bei den Marschpausen aßen wir Löwenzahn, Wiesengras, Schnecken und sogar Nacktschnecken, schließlich alles, was wir aufsammeln konnten und das uns essbar schien. Wir waren buchstäblich zerfressen von den Läusen, ich tötete jeden Tag rund 100 von ihnen auf meinem Körper. Viele hatten keine Holzpantoffeln mehr und marschierten barfuß.

Am achten Tag dieses makabren Exodus konnte ich nicht mehr weiter, ich fühlte mich vollständig am Ende meiner Kräfte, mein Kopf brummte, meine Augen leuchteten fiebrig. Bei jedem Schritt wankte ich und glaubte zu fallen. Meine Kameraden stützten mich unter den Armen. Die Etappe war an jenem Tag besonders lang und mühevoll. Durch welches Wunder ich das Ziel der Etappe bei Einbruch der Dunkelheit erreichte, weiß ich nicht.

Auf der Wiese, auf der wir uns dicht gedrängt niedergelassen hatten und wo wir die Nacht verbringen sollten, fiel ich erschöpft ins Gras. Mein Kamerad Labbé legte sich neben mich und wickelte mich in seine Decke ein. Ich war völlig am Ende, ich fühlte, wie mich der Mut verließ.

Ich dachte lange Zeit: „Morgen werde ich nicht mehr aufstehen können und die SS-Männer werden mich töten, bevor wir aufbrechen“, und meine verwirrten Gedanken gingen zu meiner lieben Simone, zu meiner vielgeliebten Jeannot, zu meiner kleinen Huguette, die ich noch kaum kannte. Ich werde die Süße ihrer Küsse nicht mehr kennen lernen. Ich werde die Flamme der Liebe in ihren Blicken nicht mehr sehen können. Und die Gedanken kreisten in meinem Kopf, dann fiel ich wie ein wildes Tier in den Schlaf.

Am frühen Morgen, als ich erwachte, bedeckte eine weiße Eisdecke den Boden. Die Kälte peitschte mir ins Gesicht. Labbé half mir aufzustehen, und zu meiner großen Überraschung machte ich einige Schritte. Ich fasste wieder Mut; die Kolonne ging weiter, und ich in ihrer Mitte.

Nun gingen wir schon 14 Tage, wir hatten 300 Kilometer über die Berge und die Ebenen zurückgelegt. Wir waren einige Kilometer von Steyr entfernt. Dort machten wir zwei Tage Station, die wir im strömenden Regen verbrachten. Beim Aufbruch erreichte uns die erste Kolonne, die wir am Weg hinter uns gelassen hatten. Ich sah Lucien wieder, er ging an uns vorbei in einer Entfernung von rund 50 Metern. Ich winkte ihm, er erkannte mich. Er ging nur mühsam mit kleinen Schritten vorwärts. Ein schmutziger Bart bedeckte sein ganzes Gesicht, er war in einem sehr schlechten Zustand. Ich rief ihm beim Vorübergehen zu: „Geht’s?“ Er schüttelte den Kopf. […]

Am 23. April, gegen drei Uhr nachmittags, setzten wir unseren Weg zum Lager Steyr, das ungefähr acht Kilometer entfernt war, fort, und das sollte unsere letzte Etappe sein, denn einige Tage danach sollte ein Autobus alle Franzosen holen, um sie nach Mauthausen zu bringen, wo wir von den Amerikanern am 5. Mai 1945 befreit werden sollten. Von den Anhöhen führte uns der Weg durch Schluchten hinab auf die geteerte Straße, die der Steyr entlang führte. Wir gingen an einer Gruppe von Häftlingen vorbei, die gerade die Erde aushob, um ihre Gefährten, die auf den Bauernhöfen gestorben waren, zu begraben.

Lucien war in der Kolonne, die vor uns war. Während dieser wenigen Erholungstage war er nicht zu Kräften gekommen. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, die wenigen Franzosen seiner Kolonne waren bei ihm, stützten ihn und sprachen ihm Mut zu, so gut es ging. Mehr schlecht als recht gelang es ihm, den schluchtartigen Weg hinunterzugehen. So setzte er seinen Weg fort, der einfacher werden sollte, und dann kämen ja auch wir bald an. Aber Lucien konnte nicht mehr, er war wirklich am Ende, er brach zusammen. Die Gefährten nahmen ihn unter die Arme und trugen ihn buchstäblich. Lucien wehrte sich: „Lasst mich“, bat er, „ich kann nicht mehr, legt mich auf den Straßenrand … Das ist das Ende.“

Ein SS-Mann wurde auf Lucien aufmerksam, er sah, dass er an ihm ein weiteres Verbrechen begehen könnte, sein Sadismusdrang würde ein weiteres Mal befriedigt werden. Er gab dem Kapo den Befehl, ihn neben der Straße hinzulegen. Lucien ließ sich fallen und streckte sich der Länge nach aus. Der SS-Mann jagte ihm mit einem Gewehrschuss eine Kugel durch den Kopf. Dann stieß er ihn mit der Spitze seines Gewehrlaufes in die Schlucht, in der die Steyr fließt.

Genau in diesem Augenblick kam meine Kolonne vorbei. Ich glaubte, Lucien wiederzuerkennen, aber ich wollte es nicht glauben. Im Lager Steyr angekommen, bestätigten mir die Kameraden die tragische Nachricht. Wir sahen uns still an.

Bei der letzten Etappe, in der letzten Stunde dieses entsetzlichen Exodus hatte ich meinen besten und treuesten Gefährten im Elend verloren. Jenen, mit dem ich das gleiche Schicksal geteilt hatte, die gleichen Qualen, die gleichen schrecklichen Schmerzen und auch die gleichen Hoffnungen, die gleichen Freuden. Ihn, der für mich ein Vertrauter war, ein Vorbild und ein Führer.

Adieu mein lieber Lucien, die Erinnerung an dich wird immer in mir lebendig sein. Sie wird mir den Mut und die notwendige Kraft geben, unseren Befreiungskampf bis zum Ende und bis zum endgültigen Sieg zu führen.

Geschrieben in Lugny, am 15. Mai 1946

Georges Mazoyer

 

Georges Mazoyer ist ein Überlebender des KZ Mauthausen, der unmittelbar nach der Befreiung ein 50 Seiten umfassendes Zeugnis im Gedenken an seinen Kameraden Lucien Truffy verfasste, das er bereits 1946 der Familie Truffys übergab. Ein Auszug daraus ist im Bulletin de l’Amicale de Mauthausen – déportés, familles et amis erschienen.

 

Aus dem Französischen von Waltraud Neuhauser


[1] Vgl. dazu und zur folgenden Übersetzung das Zeugnis von Georges Mazoyer zum Gedenken an seinen Kameraden Lucien Truffy, ermordet von der SS bei der Evakuierung des Saurerwerke-Lagers in Wien. In: Bulletin de l’Amicale de Mauthausen – déportés, familles et amis, No. 325 (Juli 2011), S. 24. Der folgende Text ist ein stark gekürzter Auszug aus Mazoyers Manuskript.

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