Stanisław Ulatowski 1906 - 1941

Geboren 13.4.1906 in Lutynia
Gestorben 19.8.1941 in Hartheim

Biografie

Mein Vater wurde als viertes Kind von Paweł und Maria Ulatowski, geb. Szymczak, in Lutynia bei Pleszew geboren. Sein Vater diente im Ersten Weltkrieg in der preußischen Armee und fiel an der Ostfront, seine Mutter Maria verstarb im März 1944.

Mein Vater hatte in der Kindheit einen Unfall – er wurde mit kochender Flüssigkeit verbrüht und trug deswegen dauerhafte Verletzungen davon (sein linkes Bein entwickelte sich nicht richtig und war kürzer). Er schloss die Grundschule ab und begann dann eine Lehre als Schuster. 1936 erhielt er das Schuster-Meisterdiplom. Nach Abschluss der Ausbildung begann er zu arbeiten. Am 29. April 1933 heiratete er meine Mutter, Leokadia, geb. Glinkowska. Mutters Eltern waren Wawrzyniec und Franciszka Glinkowski, geb. Skrzypczak.

1933 zogen meine Eltern nach Poznań und wohnten in der ul. Mostowa, wo mein Vater auch seine Schusterwerkstatt eröffnete. In der Werkstatt fanden sein Bruder Szczepan und der Bruder seiner Frau, Zygmut Glinkowski, Arbeit. Sie reparierten Schuhe und fertigten diese nach Maß an, ebenso Offiziersstiefel für die Armee. Die Werkstatt existierte bis zur Inhaftierung meines Vaters, das heißt bis zum 28. März 1940.

Nach Beginn des Krieges 1939 wollte meine Familie den Taten der Besatzer nicht tatenlos zuschauen. Mein Vater und sein Bruder Szczepan, Freunde wie Zenon Tchim und der Besitzer des Fellgroßhandels Hermann sowie viele andere nahmen durch die Gründung einer Widerstandsbewegung den Kampf auf. Laut Informationen von Vaters Bruder Szczepan, welcher glücklicherweise nach Kriegsende 1945 aus dem Konzentrationslager Dachau zurückkehrte, hatten sie eine Organisation mit dem Namen Związek Zachodni (Westlicher Verband) gegründet. Diese Organisation bestand bis zur Denunziation, welche – wie man später herausfand – durch Guła erfolgte. Er war ein Kollege des jüngsten Bruders meines Vaters, Antoni. Ab diesem Zeitpunkt begannen die Verhaftungen, an einem Tag – es war der 28. März 1940 – nahm man 200 ihrer Mitglieder fest.

Als sechsjähriges Kind war ich, wenn ich Vaters Werkstatt betrat, sowohl Beobachter als auch Zeuge verschiedener dort stattgefundener Ereignisse und Situationen. Ich war mir deren Bedeutung und der daraus resultierenden Gefahren nicht bewusst. Unter anderem kann mich daran erinnern, dass mein Vater Absätze von den Schuhen trennte und in diese Öffnungen bohrte, in denen er Sachen versteckte, die mir unbekannt waren.

Bei seiner Festnahme wurde mein Vater sofort in das Soldatenhaus in der ul. Rajaczaka gebracht, wo er verhört und geschlagen wurde, dann wurde er in das Fort Colomb verlegt, welches das erste Konzentrationslager in Poznań war. Dort verblieb er bis 6. Jänner 1941 bis zum Abtransport zum Konzentrationslager Mauthausen. Im Lager erhielt er die Nummer 1520. Während seines Aufenthalts im Fort VII (Colomb) gelang es meinem Vater, einige Postkarten abzuschicken, in denen er – soweit es ihm möglich war – seine Lage beschrieb.

Ich rufe mir die Augenblicke ins Gedächtnis, als ich mit meiner Mutter Pakete für meinen Vater und Onkel Szczepan in das Fort brachte. Mit diesen Paketen versuchten wir, sie mit Kleidung, Wäsche sowie Essen zu versorgen. Zurück bekamen wir Bündel mit benutzter, schmutziger und verlauster Kleidung.

Ich erinnere mich, wie ich als kleiner Junge mit einem Paket beim Tor in einer Schlange stehend die Häftlinge sah, die unter Aufsicht der Wärter die Pakete entgegennahmen und diese zunächst auf Tragen zur Durchsuchung brachten. Dort überprüft man deren Inhalt zuerst und entnahm aus ihnen Gegenstände. Zeitgleich wurde ich mit anderen Kindern in ein Gebäude getrieben, wo wir gezwungen wurden, vor allem Zigaretten zu stapeln und zu sortieren. An eine der Marken kann ich mich erinnern: JUNO.

Als mein Vater im Fort festgehalten wurde, setzte sich meine Mutter Leokadia mit ihrem Vater in Verbindung, der während des Ersten Weltkrieges in der preußischen Armee an der Westfront gedient hatte. Er hatte gute Waffenkameraden deutscher Abstammung, die gemeinsam mit ihm Wehrdienst geleistet hatten. Er bat sie um Hilfe. Es stellte sich heraus, dass zwei Söhne eines Freundes aus der Nähe von Jarocin als Wärter im Fort eingesetzt waren. Zu ihren Pflichten zählte der Ausgang mit einem Häftling zum Einkaufen. Sie entschlossen sich, das Risiko einzugehen und unser Haus aus Anlass der zu erledigenden Einkäufe in Begleitung des Gefangenen zu besuchen. Sie besuchten uns in der ul. Za groblą 2, wo wir damals wohnten. Meine Mutter kochte Tee und sie unterhielten sich, der Gefangene saß ebenfalls am Tisch. Nachdem der Wärter seinen Tee getrunken hatte, ging er zum Fenster und wandte sich mit dem Rücken zum Tisch, als er zur Rocha-Brücke blickte. In diesem Moment stand der am Tisch sitzende Gefangene auf, um sein Bein auf einen Sessel zu stellen, der von einem von meiner Mutter angebrachten Vorhang verdeckt war, und um dann rasch die zusammengebundenen Hosenbeine aufzuschnüren und die dort versteckten und geschmuggelten Briefe und Zettel seiner Mithäftlinge herauszuholen. Diese Zettel landeten unter dem Sessel hinter dem Vorhang und so endete der Besuch der Gäste. In einem geeigneten Moment kümmerte sich meine Mutter mit mir zusammen um die Auslieferung dieser Sendungen an die Familien. Ich besitze einen solchen Brief, der von meinem Vater am 11. Oktober 1940 geschrieben wurde.

Nach dem Abtransport des Vaters in das Konzentrationslager Mauthausen wurde er im Block 15, Abschnitt B, untergebracht. Er blieb einige Zeit dort, bevor er nach Gusen I verlegt wurde, was mir aus den Briefen, die mein Vater in dieser Zeit schrieb, bekannt ist. Anstatt der Mauthausener Nummer 1520 erhielt er in Gusen die Nummer 8232 und wurde im Block 24, Abschnitt A, untergebracht. In dieser Zeit schickte meine Mutter Geldanweisungen per Post an die Lageradresse, in der Annahme, dass mein Vater das Geld erhalten würde.

Ich versuche seit 1995, regelmäßig an den Reisen zum Jahrestag der Befreiung teilzunehmen, die Anfang Mai stattfinden, soweit es mir möglich ist. An diesen Treffen nehmen ehemalige Häftlinge, die das Lager überlebt haben, und ihre Familien teil, um dem Tod Tausender in den Lagern gefolterter Menschen die Ehre zu erweisen. Während dieser Treffen konnten Informationen über die Schicksale der Häftlinge ergänzt werden, so wie über jenes meines Vaters.

An einem Sonntag wurde ein Kommuniqué verlautbart, dass sich Häftlinge, die krank oder behindert seien oder eine Familie mit mehreren Kindern hätten, beim Appell melden sollten. Man sagte ihnen, dass sie nach Hause freigelassen würden. In Wirklichkeit war es aber ganz anders. Nachdem sich die Häftlinge versammelt hatten, wurden sie ins Schloss Hartheim gebracht, wo die Gefangenen mit Gas und Injektionen getötet wurden. Dort verlor auch mein Vater sein Leben.

Zuhause erreichte uns die Nachricht vom Tod des Vaters, dass er am 17. September 1941 um 3 Uhr an einem Herzinfarkt verstorben sei, zusammen mit dem Angebot, dass wir die Asche des Vaters gegen eine Gebühr von 20 Mark erhalten könnten; dieses Angebot haben wir nicht angenommen.

Nach dem Krieg erhielt meine Mutter im Jahr 1996 die Bestätigung der Todesmeldung, in der geschrieben steht, dass mein Vater in das Sanatorium in Dachau gebracht werden sollte, welches er nie erreichte.

Als meine Mutter die Nachricht vom Tod ihres Ehemanns erhalten hatte, befürchtete sie, dass sie in das Generalgouvernement deportiert werden würde. Sie nahm noch einmal die Hilfe des Freundes ihres Vaters, des Amtskommissars Herbert Laube, in Anspruch, der ihr half, Poznań zu verlassen und in die Heimat nach Dobrzyce bei Pleszew zu reisen, wo sie die Möglichkeit der Meldung für und Zuteilung von Lebensmittelmarken erhielt.

Nach Kriegsende kehrten wir im Jahr 1946 zu unserer letzten Meldeadresse in der ul. Za Groblą 2 zurück. Zu dieser Zeit nahm mich mein Onkel Szczepan, der gerade aus Dachau zurückgekehrt war, zum Fort VII mit, um mir alles zu zeigen und zu erklären, was dort während ihrer Inhaftierung passiert war. Er zeigte mir die Orte, an denen die Gefangenen erschossen und aufgehängt wurden. (Eine der Foltermethoden bestand darin, den Gefangenen an den Beinen aufzuhängen, während sein Kopf in einer Öffnung im Fußboden steckte, dann wurde der Kopf an den Rändern dieser Öffnung zerschmettert.) Er erzählte mir auch, dass er dank der ihm bekannten Wärter Arbeit in seinem Beruf bekommen hatte, damit diese auf den Vater aufpassen konnten. Das hielt so lange an, bis die Wärter in Urlaub fuhren. Dann bereitete man den Transport ins Lager in Mauthausen vor. Anstatt eines Professors wurde mein Vater diesem Transport zugeteilt.

 

Zenon Ulatowski
Klub Byłych Więźniów Politycznych Obozów Koncentracyjnych Mauthausen–Gusen

Zenon Ulatowski ist der Sohn von Stanisław Ulatowski und Mitglied des Klub Byłych Więźniów Politycznych Obozów Koncentracyjnych Mauthausen-Gusen (Verein der ehemaligen politischen Gefangenen der Konzentrationslager Mauthausen-Gusen).

Position im Raum