Giuseppe Tangorra 1882 - 1944
Geboren 8.9.1882 in Sant'Eramo in Colle
Gestorben 14.4.1944 in Ebensee
Biografie
Gemeindausschuss „Ten. Col. Carlo Guadagni – Medaglia d’oro al valor militare”
Santeramo in Colle (Ba)
CARA MADRE TI FACCIO SAPERE
Dokumente und Zeugenberichte der Bürger von Santeramo während der Kriege des 20. Jahrhunderts, herausgegeben von Giulia Poli Disanto und veröffentlicht von der Gemeinde Santeramo in Colle, 2005
TANGORRA GIUSEPPE (1882-1944)
Einer unserer Mitbürger, der nicht aus den Vernichtungslagern der Nazis zurückkam.
(Textausschnitt aus einem Artikel von Lorenzo Musci für die Zeitschrift Partecipare Nr. 272, Juli-August 1999)
Am 19. August 1912 heiratete Giuseppe Tangorra Bedogni Adele, die aus Montelupo Fiorentino (FI) stammte, wo das Ehepaar auch seinen Wohnsitz anmeldete. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor: Matilde und Vera. Es war eine glückliche Familie und nichts, wirklich nichts hätte einen jemals vermuten lassen, dass die Familie einmal so eine schwere Tragödie erleiden würde. Mit seinen 62 Jahren konnte er sich nicht vorstellen, dass die menschliche Widerwärtigkeit und Feigheit ihn in die Vernichtungslager der Nazis bringen würde. Ende August 1943 wurde Giuseppe Tangorra von seinem Bruder Michele und seinen Schwestern nach Santeramo gerufen, um einige Familienangelegenheiten zu lösen. Er hätte sofort wieder zurückkehren sollen, aber die Einsprüche, die Freunde und Verwandten und die Beharrlichkeit seiner Lieben haben ihn dazu gebracht, einige Wochen in Santeramo zu bleiben. Am 8. September 1943 wurden im Radio die Kapitulation und das Ende des Krieges verkündet. Giuseppe Tangorra wollte nachhause zurückkehren, um seine eigene Familie in so einem kritischen Moment nicht alleine zu lassen. Die Familienangehörigen versuchten ihn zu überzeugen, nicht zu fahren und noch abzuwarten. Trotz dieser beharrlichen Versuche reiste Tangorra ab.
Aus der Erzählung geht hervor, dass es während der Reise zahlreiche Zusammenstöße zwischen Deutschen und Partisanen gab und dass man in diesem Niemandsland sehr leicht in bewaffnete Auseinandersetzungen geraten konnte. Am Rückweg zu seiner Familie reiste er mit dem Zug von Santeramo nach Altamura und dann bis nach Rocchetta Sant’Antonio in der Provinz Foggi, wo der letzte funktionierende Zug am 8. September endgültig nicht mehr weiterfuhr.
Von dort begann sein Abenteuer. Sein Weg führte ihn durch Wälder und kaum frequentierte Straßen entlang, er schlief in verlassenen Höfen und wurde von großzügigen Bauern und Bäuerinnen mit Essen versorgt. Nach einer Woche großer Strapazen erreichte er seine Familie, die tagelang nichts mehr von ihm gehört hatte. Als er ankam, war er erschöpft und in einem Zustand, den man sich heute nicht annähernd vorstellen kann. Schließlich war er auch nicht mehr ganz jung. Bei seiner Rückkehr kam er mit einer Lungenentzündung ins Spital. Aber er hat auch dieser Gefahr getrotzt und es schien, als wäre ein wenig Ruhe in diese arme Familie eingekehrt, die aber nicht lange anhielt. Giuseppe Tangorra war in seiner Jugend ein Anhänger des Faschismus. Wie viele andere dachte er, dass diese Partei dem italienischen Volk Wohlstand und Reichtum bringen würde und wie viele andere auch hatte er sich geirrt. Als er verstanden hatte, dass Mussolini nichts anderes als eine Diktatur errichtet hatte, wurde er zu einem aktiven Gegner des Regimes und verweigerte die Parteimitgliedskarte der Faschist*innen. Er schlug sich auf die Seite der Opposition und kämpfte im Untergrund, was den Faschist*innen von Montelupo ganz und gar nicht gefiel. Sie warteten auf den passenden Moment und ließen ihn teuer dafür bezahlen. Und so rächten sich die lokalen Anführer der Faschist*innen und zeigten ihn am 8. März 1944, ungeachtet seines Alters, bei den Sondereinheiten der Nazis als gefährliches Element an. Er wurde mitten in der Nacht von den Deutschen abgeholt, in einen Wagon gesperrt und in ein Vernichtungslager nach Deutschland geschickt, von wo er nicht mehr heimkehrte.
Lorenzo Musci
Persönliche Anmerkungen zum Text
Der Autor des Texts, Lorenzo Musci, berichtet von seinen Erinnerungen und jenen seiner Familie, die auch das Ergebnis einer persönlichen Recherche in den Gemeindearchiven von Santeramo in Colle (BA) und Montelupo Fiorentino (FI) sind. Lorenzo Musci, der von seiner Ausbildung und seinem politischen Engagement den Sozialisten angehörte, stammte auch aus einer Familie, die im Land sehr bekannt war: Sein Vater Pietro, Pietrucc genannt, führte eine Bar in der Piazza del Municipio und wurde aufgrund seiner antifaschistischen politischen Aktivitäten mehrfach verhaftet. Schließlich wurde er von einer Gruppe Faschisten, die eigens dafür aus Gioa del Colle gekommen war, beinahe zu Tode geprügelt und sterbend am Dorfbrunnen zurückgelassen. Er überlebte nur, weil sie dachten, er wäre bereits ertrunken.
Der Großvater, der ebenfalls Lorenzo hieß (1862), hat ein Tagebuch über sein Leben geführt, das von der Fondazione Archivio Diaristico Nazionale herausgegeben wurde. (https://www.idiariraccontano.org/autore/musci-lorenzo/)
Er hat einen Teil seines Lebens dem Bewahren der Erinnerungen der Zeit zwischen 1922 bis 1970 gewidmet, indem er diese niedergeschrieben und Schulklassen in der Gegend von Murgia bei Bari erzählt hat.
Über Giuseppe Tangorra weiß man wenig und nichts, was nicht mit persönlichen Erinnerungen von jenen verknüpft wäre, die ihn kannten. Die Tatsache, dass er die meiste Zeit seines Lebens in der Toskana verbracht hat, ist sicher ein weiterer Grund für die spärlichen Erinnerungen. Die Veröffentlichung des Buchs „Cara madre ti faccio sapere …“ ist ein Beginn zur verdienten Anerkennung der Gemeinschaft von Santeramo eines ihrer Söhne, der barbarisch ermordet wurde. Der Weg zu dieser Anerkennung ist noch lang, aber wir sind zuversichtlich, dass der Tag bald kommen wird, an dem seine geliebten Mitbürger der Stadt sein Leben und seine Erinnerung ehren werden.
Carlo Cardinale
Ps. Nachstehend ein Foto des Buchs „Cara madre ti faccio sapere …” und der zwei Seiten mit der von Lorenzo Musci verfassten persönlichen Erinnerung an Giuseppe Tangorra.
Position im Raum

