Петр Евдокимович Лукьянчиков / Petr Ewdokimowitsch Lukjantschnikow 1911 - 1944
Geboren 30.6.1911 in Gremjatschki
Gestorben 16.8.1944 in Mauthausen
Biografie
Petr Ewdokimowitsch Lukjantschikow wurde am 30. Juni 1911 im Dorf Gremjatschki des Obojanskij Bezirkes des Gouvernementes Kursk im Russischen Reich geboren. Er stammte aus einer russischen Bauernfamilie und war Nachkomme der Bojaren aus dem Großfürstentum Litauen, die im Jahre 1563 den Dienst beim russischen Zaren Iwan dem Schrecklichen angetreten und seit der Mitte des 17. Jahrhunderts im Obojanskij Bezirk gewohnt hatten.
Im Jahre 1930 diente er in der Armee, danach arbeitete er als Bergbauer in der Stadt Nowoschachtinsk der Region Rostow-am-Don. Er hatte eine Frau – Marija Nikiforowna Lukjantschikowa – und drei Kinder, Wasilij, Anatolij und Wiktor (letzterer lebt noch heute).
1941 wurde Lukjantschikow an die Front ins 965. Artillerieregiment der 411. Schützendivision einberufen. Am 25. Oktober 1941 gingen Oberaufklärer Lukjantschikow und zwei seiner Regimentskameraden, Sergeant Semen Ignatjewitsch Semenow und Aufklärer Efim Sergeewitsch Garbusow, zur Aufklärung in die Gegend des Dorfes Gruschewo bei Charkow (Ukraine). Unterwegs stießen sie auf Deutsche und kamen nicht zurück. Alle drei wurden für vermisst erklärt.
Was mit Semen Semonow geschah, bleibt unbekannt. Efim Garbusow geriet in Gefangenschaft und wurde durch die sowjetischen Truppen am 7. Mai 1945 befreit. Und Petr Lukjantschikow konnte den Deutschen entkommen und ging zu Fuß in seine Heimat in die Region Kursk.
Unterwegs wurde er im Dorf Rakitnoe (heute in der Region Belgorod) von einer deutschen Streife aufgehalten. Doch im Dorf fand sich ein Mann, der aus dem Obojanskij-Bezirk stammte. Er bezeugte, dass Petr Sohn eines bekannten Bewohners aus Obojan war, und Petr wurde freigelassen. So kam er ins Dorf Gremjatschka.
Im Juni 1942 wurden Petr und andere Dorfbewohner als Zivilisten zur Arbeit nach Wien verschleppt. Unter ihnen war auch Wasilij Rasinkow, ein Verwandter von Petr. (Wasilijs Schwester Alexandra war mit Petrs Bruder verheiratet.)
Die „Ostarbeiter“ lebten unter harten Bedingungen und wurden bewacht, durften aber nach Absprache mit der Wache die Stadt besuchen. Sie arbeiteten in Fabriken und Rüstungswerken oder waren in der Landwirtschaft beschäftigt.
Lukjantschikow und Rasinkow wurden Mitglieder der Widerstandsbewegung – der sogenannten Anti-Hitler-Bewegung der Ostarbeiter. Mehr als das: Petr Lukjantschikow war Mitglied des Zentralkomitees dieser Gruppe. Die Gestapo konnte sie lange nicht entdecken, den Widerstandskämpfern gelang es, ihre Tätigkeit unter Bedingungen durchzuführen, die man nach Schwierigkeitsgrad sogar mit der Widerstandsbewegung in Deutschland vergleichen kann. Sie warben neue Mitglieder der Gruppe an, gaben die Zeitung Wahrheit heraus, informierten Gegner des nazistischen Regimes über die Ereignisse an der Front und bereiteten sich vor, die Allierten mit Waffen in der Hand zu empfangen.
Am 10. Juli 1943 wurde Petr Lukjantschikow verhaftet – unter seiner Matratze wurde eine Waffe gefunden. Es begannen Verhöre und Folter. Ein halbes Jahr später war im „Rapport“ der Gestapo Wien Nr. 20 vom 10.-13. März 1944 zu lesen: „Die Mitte November 1943 begonnenen Massnahmen gegen die Ostarbeiterorganisation ‚Anti-Hitler-Bewegung‘ sind nunmehr abgeschlossen. Es wurden sämtliche Funktionäre einschließlich des Zentralkomitees der ‚Anti-Hitler-Bewegung‘ und sämtliche bisher bekanntgewordene Mitglieder, insgesamt 58 Personen (53 Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen und 5 sonstige ausländische Arbeitskräfte) festgenommen. Die Organisation war bestrebt, die in Wien und Niederdonau beschäftigten Ostarbeiter zusammenzufassen, sie für den Einsatz durch Mittel der Sabotage und des Terrors auszubilden, mit entwendeten Waffen auszurüsten und ihren waffenmässigen Einsatz gegen die deutschen Ordnungskräfte und die Zivilbevölkerung zur Erzielung eines Aufstandes zu organisieren.“
Petr Lukjantschikow wurde ins KZ Mauthausen überstellt, wo er die Häftlingsnummer 50718 bekam. Am 16. August 1944 um 14 Uhr 34 wurde er erschossen.
Maxim Emeljanow-Lukjantschikow
Maxim Emeljanow-Lukjantschikow ist Historiker und Urenkel von Petr Ewdokimowitsch Lukjantschikow.
Aus dem Russischen von Tatiana Szekely
Quellen:
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Geheime Staatspolizei Staatspolizeistelle Wien, Tagesbericht Nr. 20 vom 10.-13.III.1944
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