Vilhelm Gutfreund 1909 - 1945
Geboren 12.8.1909 in Katovice
Gestorben 6.2.1945 in Mauthausen
Biografie
Vilhelm Gutfreund war der dritte Sohn der Eheleute Eduard und Klara. Er hatte zwei Brüder, Leo und Rudolf. Beide Eltern waren Juden. Sein Vater Eduard war Miteigentümer einer Hutfabrik in Katovice und seine Mutter Klára war Hausfrau. Die Eltern heirateten im Jahre 1895 in Žatec. Sein Vater Eduard starb schon im Jahre 1916. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Strakonice beerdigt.
Die Fabrik in Katovice war zu ihrer Zeit in weiter Umgebung berühmt. Ende des 19. Jahrhunderts traten Eduard Gutfreund, sein Bruder Otto und ihr Onkel Moric Eisner gemeinsam in die Fabrik ein. Die Fabrik gab bis zu 100 Menschen Arbeit. Im Laufe der Zeit trennten sich die Brüder von ihrem Onkel und führten die Fabrik allein. Am Ende des Ersten Weltkriegs und nach dem Tod von Eduard befand sich die Fabrik in einem schlechten technischen Zustand und hatte hohe Schulden. Die Witwe Klára löste diesen unerfreulichen Zustand zunächst durch die Vermietung der Produktionsräume. Einige Jahre später entschied sie sich zur erneuten Wiederaufnahme der Produktion. Dazu musste ein großer Geldbetrag geliehen werden, welcher von der Centrokomise (Zentralkommission - Finanzinstitution) zur Verfügung gestellt wurde. Das erneuerte Unternehmen hatte leider keinen Erfolg und stand vor dem Bankrott, welcher durch den Eintritt der Centrokomise in das Unternehmen abgewendet wurde.
Vilhelm Gutfreund hatte gerade das Realgymnasium erfolgreich abgeschlossen und trat daher im Jahre 1927 in das elterliche Unternehmen ein. Es wurde ein neues Unternehmen unter dem Namen Vilhelm Gutfreund & Co. gegründet. Dieses Unternehmen befand sich im gemeinsamen Eigentum von Vilhelm Gutfreund und der Centrokomise. Das neue Unternehmen konzentrierte sich vor allem auf die Erweiterung und Erhöhung der Qualität seiner hergestellten Waren. So wurden z. B. Pumps für Damen mit Pumps für Herren ergänzt bzw. es wurde die Produktion von Damen- und Herrenhüten aus Wolle aufgenommen. Im Jahr 1930 verließ Vilhelm die Geschäftsleitung und es entstand die neue Firma Otava, die schon mehrheitlich im Eigentum der Centrokomise stand. Vilhelm Gutfreund behielt nur einen Minderheitsanteil und arbeitete weiter als Angestellter der Legiobank.
Seine Mutter Klára starb am 7. Mai 1932, ihre sterblichen Überreste wurden neben ihrem Ehemann auf dem Jüdischen Friedhof in Strakonice beigesetzt. Zu Beginn des Monats Oktober 1932 zog Vilhelm Gutfreund in ein Mietshaus unter der Adresse Katovice 182 um. Er heiratete Elisa Gruberová, die am 10. April 1911 in dem im Rheintal liegenden Dorf Zizers in der Schweiz geboren wurde. Vilhelm und sie lebten ab dem 30. Dezember 1939 zusammen in Katovice. Elisa arbeitete als Handelsvertreterin.
Nach Entstehung des Protektorats Böhmen und Mähren begann für die Familie Gutfreund eine dunkle Zeit. Für Vilhelm galten die Rassengesetze, die er sehr schwer ertrug. Aus dem fröhlichen jungen Mann wurde ein sehr verschlossener Mensch. Vilhelm wurde am 17. Februar 1944 auf telefonischen Befehl des Kriminalsekretärs Schmidt von der Gestapo Klatovy verhaftet. Die Verhaftung erfolgte durch Oberwachtmeister Antonín Kaňkovský. Bei der Verhaftung von Gutfreund wurde in der Wohnung auch ein Radioapparat beschlagnahmt. Aus dem Gefängnis Klatovy schrieb Vilhelm am 21. Februar 1944 an seine Frau. Er teilte ihr mit, dass er nur zweimal im Monat schreiben dürfe und die Abgabe der Schmutzwäsche dienstags und donnerstags stattfinden würde.
Am 11. März 1944 um 11.45 Uhr wurde er in die Kleinen Festung Terezín, die eine Außenstelle des Gefängnisses Prag-Pankrác war, eingewiesen. Er erhielt die Häftlingsnummer 24562. Als Grund seiner Verhaftung und Inhaftierung wurde die Nichteinhaltung der Kennzeichnungsvorschriften für Juden angegeben. Am Morgen des 12. April 1944 wurde Vilhelm Gutfreund mit einem Sammeltransport nach Auschwitz deportiert. Laut Häftlingsnummer 181874 traf er am 18. April 1944 hier ein. Er durchlief die Erstselektion erfolgreich. Anschließend wurde er in das Zweig-Arbeitslager Sosnowiec geschickt, wo er in einer Fabrik zur Herstellung von Geschützbauteilen arbeitete.
Von dort schrieb er am 17. Dezember 1944 seinen letzten Brief an seine Frau. Dieser blieb nur dank der Eheleute Kuncipál aus Katovice, welche ihr ganzes Leben lang wertvolle historische Urkunden und Informationen sammelten, erhalten. Frau Kuncipálová war gleichzeitig eine Schülerin von Vilhelm Gutfreund. Sie nahm bei ihm Deutschstunden. Im Jahr 1941 schrieb er ihr eine Widmung in ihr Poesiealbum. Den einzigartigen Brief erhielten die Eheleute nach dem Krieg von der ersten Frau seines Bruders Leo:
„Meine herzensliebe Maus. Ich hoffe Dich im Besitz meiner beiden Briefe vom November sowie vom 10. dieses Monats, ich hoffe, Du bist gesund, so wie auch ich es gottseidank bin. Auf Briefen und Päckchen muss die Adresse Sosnowitz angegeben werden, Geldanweisungen müssen weiter über Auschwitz laufen, aber schick mir bitte kein Geld, ich brauche keins, auch keine Kleidung. Das Päckchen vom ersten dieses Monats habe ich am 13. gut erhalten, vielen herzlichen Dank. Habe ich noch einen Pullover bei Dir? Achte bitte auf Deine Gesundheit. Schick mir bitte nur so viele Lebensmittel, wie Du entbehren kannst, ich mache mir ständig Sorgen, dass Du wegen mir hungerst und krank wirst. Verbringe die Weihnachtsfeiertage recht froh, für das Neue Jahr wünsche ich Dir und Euch allen viel Glück. Mit tausend Küssen Dein Willi.“
Am 17. Jänner 1945 erfolgte die Auflösung des Zweig-Arbeitslagers und die Häftlinge wurden gezwungen, sich auf einen Todesmarsch nach Opava zu begeben. Auf Grundlage einer Zeugenaussage des überlebenden Mithäftlings Julius Engel nach dem Krieg wurde festgestellt, dass Vilhelm Gutfreund bei der Auflösung des Lagers von einem Auto der Deutschen Wehrmacht überfahren wurde. Infolge dieses Zusammenstoßes brach er sich das Bein. Julius Engel sagte weiter aus, dass er mit weiteren Häftlingen die Transportbegleitung bat, Vilhelm Gutfreund nicht zu erschießen. Dies war sehr außergewöhnlich. Normalerweise wurden Häftlinge, die den Marsch nicht fortsetzen konnten, ohne Weiteres erschossen.
In der Abenddämmerung am 26. Jänner 1945 trafen die Häftlinge in Jarkovice bei Opava ein, wo sie auf zwei Gutshöfen übernachteten. Am Montag früh wurden mehrere Wagen zum Zug gebracht, die mit Sachen der SS-Wachmannschaft beladen waren. Die Häftlinge mussten zu Fuß zum Bahnhof in Opava gehen (Bahnhof Opava-východ). In einer Aussage des Gastwirts von Jarkovice, die dieser nach dem Krieg zu Protokoll gab, steht, dass vor dem Gutshof sieben Wagen zur Abfahrt vorbereitet waren und dass auf dem vierten Wagen ein ungefähr 40 Jahre alter Arzt aus dem Böhmerwald (Šumava) saß, der ein gebrochenes Bein hatte. Der Gastwirt konnte dem Mann ein Stück Brot zustecken und dieser konnte antworten: „Der Herrgott möge es Ihnen vergelten.“
Gemäß einem aufgefundenen Protokoll aus der Ambulanz des Konzentrationslagers Mauthausen von Februar 1945 traf Vilhelm Gutfreund mit einem gebrochenen linken Unterschenkel im Lager ein, sein Gesundheitszustand war kritisch. Er wurde im Block mit der Bezeichnung Kreuz 40 unter der Häftlingsnummer aus Auschwitz untergebracht. Eine neue Häftlingsnummer erhielt er nachträglich. Hier starb er vier Tage später.
Am 28. Juli 1945 schickte der überlebende Häftling Julius Engel der Ehefrau von Vilhelm Gutfreund eine Postkarte, auf der er schrieb, dass ihr Ehemann in Mauthausen umgekommen sei. Als Todesursache führte er Blutvergiftung an. Der Mithäftling Jaromír Šimíček gab an, dass folgende Personen mit ihm zusammen auf dem Todesmarsch waren: „Der ungefähr achtzehnjährige Jiří Popper, dessen Vater Direktor in Kladno war, der achtzehnjährige Julius Engel jüdischer Nationalität aus Písek und ein gewisser Gutfreund, ich denke er hieß mit Vornamen Vilém, der ungefähr 40 Jahre alt war.“
Seine Ehefrau Elisa verließ am 14. März 1947 Katovice unter Hinweis darauf, in die Schweiz zurückzukehren. Die Schwiegertochter seines Bruders Leo gab später an, dass sie Elisa bis zum Jahr 1968 in Blatná besuchte. Sein Bruder Rudolf starb im Jahr 1943 in Südamerika und sein Bruder Leo überlebte den Krieg. Er starb im Jahr 1974 in Plzeň. Seine sterblichen Überreste wurden auf dem Jüdischen Friedhof in Plzeň beigesetzt.
Der Mithäftling Jiří Popper alias Jiří Pavel war der ältere Bruder des berühmten Schriftstellers Ota Pavel. Die Gestalt von Jiří Pavel erschien in dem bekannten Film Der Tod der schönen Rehböcke, in dem er von dem berühmten zeitgenössischen Regisseur Jiří Strach dargestellt wurde. Jiří Pavel gehörte zu den sechs überlebenden tschechischen Häftlingen des Todesmarsches Auschwitz-Opava-Mauthausen. Ebenso wie Julius Engel und Jaromír Šimíček.
Am 18. April 2024 wurde an der letzten Adresse Vilhelm Gutfreunds vor der Verhaftung (Katovice 182) durch einen Vertreter der Marktgemeinde Katovice, den Verein CEBENA – cesta bezmoci a naděje (CEBENA – Weg der Ohnmacht und Hoffnung z.s.), Jan Bartošek, stellvertretender Vorsitzender der Abgeordnetenversammlung des Parlaments der Tschechischen Republik, und Petr Papoušek, Vorsitzender der Vereinigung der Jüdischen Gemeinden in der Tschechischen Republik, ein „Stein des Verschwundenen“ (Stolperstein) gesetzt. Eine Gedenktafel wurde wegen der Nichtzustimmung der Eigentümer der betreffenden Immobilie nicht enthüllt. Dieser Lebenslauf wurde dauerhaft auf dem Webportal der Marktgemeinde Katovice eingestellt. Der verlegte „Stein des Verschwundenen“ (Stolperstein) für Vilhelm Gutfreund ist der zweite Stein für einen tschechischen Häftling des Todesmarsches und -transports Auschwitz-Opava-Mauthausen. Das dauerte fast 80 Jahre.
Vladimír Nevlud, Verein „CEBENA – cesta bezmoci a naděje“ (CEBENA – Weg der Ohnmacht und Hoffnung z.s.)
Dieser Lebenslauf ist Bestandteil einer einzigartigen Datenbank der ermittelten Häftlinge des Todesmarsches und -transports Auschwitz-Opava-Mauthausen. Sein Autor ist der Vorsitzende des Vereins CEBENA – cesta bezmoci a naděje, Vladimír Nevlud. In der Datenbank der ermittelten Häftlinge wird Vilhelm Gutfreund unter der Nummer 655 geführt.
Position im Raum

