Hans Alfred Meyers Miers 1922 - 1941

Geboren 1.12.1922 in Berlin
Gestorben 23.9.1941 in Mauthausen

Biografie

Annie Cohen ist 15 Jahre alt, als sie 1939 bei einem Weihnachtsball Hans Miers kennenlernt, fünf Monate bevor die Deutschen die Niederlande besetzen. Eine Weihnachtsbegegnung eines jüdischen Mädchens und eines jüdischen Jungen – geht es romantischer? Und assimilierter?

Annie ist eine echte Amsterdamerin, Hans der Sohn von deutschen Flüchtlingen. Er wurde am 1. Dezember 1922 in Berlin geboren. Als er Annie kennenlernt, ist er Schneiderlehrling. Dank der knappen Aufzeichnungen in Annies Kalender können wir die Entwicklung ihrer Beziehung einigermaßen nachvollziehen.

Der Name Hans taucht am 6. Jänner 1940 zum ersten Mal auf, zwei Wochen nach ihrer ersten Begegnung. Im Folgenden eine Auswahl aus ihren Notizen:

„Samstag, 6. Jänner. Wintermantel mit echtem petit-gris-Kragen bekommen. Hans gesprochen.

Sonntag, 28. Jänner. Eislaufen mit Tonny und Hans M.

Dienstag, 20. Februar. Maskenball bei James M. Als Zigeunerin verkleidet. Irrsinnig schön gewesen, habe ununterbrochen getanzt. Foto gemacht, Hans ist auch drauf.

Dienstag, 27. Februar. Großartige Tanzstunde gehabt. Mit Hans M. Samstagabend bei der Eisbahn verabredet.

Donnerstag, 7. März. Mit Hans bei einem Clubabend von Poseidon[1] gewesen. Den ganzen Weg Arm in Arm gegangen, er ist unglaublich nett.

Dienstag, 19. März. Bei Tanzstunde gewesen. Hans hat mich abgeholt. Ein Stück spazieren gegangen und wie!!

Samstag, 13. April. War beim Ball von James M. Irrsinnig schön gewesen, um ½ 4 nach Hause gekommen. Lia und Carla waren nicht dabei, aber Hans, mein Freund, schon.

Samstag, 27. April. Schulparty, hatte Hans mitgenommen. War ein Fiasko, aber das Ende (im Taxi nach Hause gebracht) war doch nett.

Freitag, 10. Mai. Deutsche haben um 3 Uhr unser Land überfallen. Unser Land ist also mit Deutschland im Krieg. Luftalarm. Englische und französische Truppen in unserem Land.

Mittwoch, 15. Mai. Unsere Truppen haben verloren. Ich bin 16 Jahre alt geworden. Doch noch Leute gekommen. Alle Truppen Kriegsgefangene. Deutsche Zeit eingeführt. Fauteuil bekommen und Eierbecher.

Donnerstag, 16. Mai. Deutsche Truppen in unsere Stadt und unser Land einmarschiert. Hans angerufen.“

Irgendwann im Winter 1940 trennen sich Hans und Annie. Leider ist es uns nicht möglich, diesen Prozess und die ersten Monate der Besatzung aus Annies Perspektive weiter zu verfolgen, weil sich ab Samstag, den 18. Mai, sieben Monate lang keine Notizen in ihrem Kalender befinden. Erst 1941 führt sie die Eintragungen weiter. Die Beziehung mit Hans Miers ist noch immer abgebrochen, aber sie hat mehrere andere Freunde.

Am Sonntag, den 23. März 1941, begegnet Annie Hans Miers wieder.

„Sonntag, 23. März. Mit Eva beim thé-dansant [Tanztee] bei Oostervink[2] gewesen. Meine ‚alte Liebe‘ war auch da. Ich habe oft mit ihm getanzt! Nämlich mit Hans M.

Montag, 31. März. Hans M. vor der Schule auf mich gewartet. Er ist doch nett.

Samstag, 12. April. Bin nach Amsterdam, um mit Hans zu den Prominenten[3] zu gehen. Wir sind wieder fest zusammen! Aber jetzt viel verliebter als das letzte Mal. Der Unterschied ist, das wir jetzt beide miteinander gehen wollen.

Sonntag, 4. Mai. Schöner Spaziergang mit Hans. Wir werden jetzt als richtiges Paar gesehen!

Dienstag, 6. Mai. Brief von Hans bekommen, jetzt bin ich mir erst so richtig bewusst, wie froh ich bin, dass wir wieder zusammen sind.

Sonntag, 18. Mai. Hans wieder zu mir gekommen. Er ist auch zum Essen geblieben. Parfum und Kuss von ihm bekommen. Zusammen Rad gefahren und Tee getrunken. Er ist ein Schatz.

Samstag, 7. Juni. Hans hat mich wieder abgeholt. Es ist so richtig ernst mit uns!! Gott, wie sehr liebe ich ihn. Auch wenn ich erst 17 Jahre bin, weiß ich, dass ich Hans so liebe, wie man nur einmal jemanden liebt.“

Am 11. Juni 1941 werden mehr als 250 Juden in Amsterdam in Vergeltung eines Anschlags, bei dem Deutsche verwundet wurden, verhaftet. Die Gefangenen werden über das Lager Schoorl nach Mauthausen in Österreich deportiert. Auch Hans Miers befindet sich unter den Unglücklichen. In Annies Kalender lesen wir in der Folge mehr:

„Mittwoch, 11. Juni. Um 6 Uhr Ausschreitungen gegen Juden in Amsterdam wieder begonnen. Grund: Explosion in der Schubertstraße, bei der Deutsche verletzt wurden.

Donnerstag, 12. Juni. Heute gehört, dass auch Hans und andere verhaftet wurden. Mein Freund: Hans! Ich bin verzweifelt. Warum das alles? Warum? Er ist erst 18 Jahre alt!

Freitag, 13. Juni. Zu Hans' Eltern gegangen. Sie sind genauso verzweifelt wie ich. Noch nichts aus Schoorl von Hans gehört.

Dienstag, 17. Juni. Bei der Mutter von Hans gewesen. Foto von uns beiden gebracht. Noch nichts gehört!!

Freitag, 20. Juni. Unveränderlich herrliches Wetter, es kommt eine Hitzewelle auf uns zu. Habe Hans einen Brief geschrieben, in dem unter anderem steht, dass ich weiter auf ihn warte.

Samstag, 21. Juni. Ich sehne mich jetzt schon nach Hans. Wie wird das werden, wenn er lange weg bleibt?

Montag, 23. Juni. Hans und andere aus Schoorl abtransportiert. Wohin jetzt wieder? Werde ich meinen Freund je wieder sehen?

Dienstag, 1. Juli. Mas gesprochen. Er war auch in Schoorl, wurde aber freigelassen. Erzählte mir, dass Hans kräftig ist und dass er meinen Brief bekommen hat.

Donnerstag, 3. Juli. Gehört, dass Hans in Maut Hausen bei Linz ist. Wir haben noch immer nichts von ihm gehört. Ich vermisse ihn so!

Montag, 7. Juli. Berichte, dass 11 Jungen auf dem Weg nach Linz gestorben sind, unter anderem Marcel Cossmans von den Tanzstunden.

Montag, 21. Juli. Bericht von Hans aus dem Konzentrationslager Mauthausen bei Linz. Er schrieb die Adresse selber, ansonsten eine vorgedruckte Karte mit der Bitte, Geld zu schicken. Aber auf jeden Fall ein Lebenszeichen. Gott sei Dank!

Samstag, 16. August. Ein vierseitiger Brief von Hans aus Mauthausen angekommen, er ist gesund, es geht ihm gut. Ich hoffe, dass es so bleibt. Er nennt in dem Brief drei Mal meinen Namen, er vergisst mich also nicht!

Freitag, 29. August. Gehört, bin aber nicht sicher, ob es wahr ist, dass die Jungen in Mauthausen in Steingruben arbeiten. Gott, finde doch einen Ausweg!

Sonntag, 7. September. Die Eltern von Janny erzählten uns, dass wieder 37 Jungen aus Mauthausen tot sind, unter anderen Max v. M. und Benno S. Ich bin schrecklich beunruhigt, wer ist der nächste? Wann wird es endlich wieder gut?

Donnerstag, 11. September. Zum 2. Mal ein Brief von Hans aus Mauthausen gekommen. Er ist gesund, aber ich habe trotzdem Angst. Ich weiß nicht warum, aber ich habe Angst.

Mittwoch, 1. Oktober. Heute ist das Große Versöhnungsfest und so viel Leid ist über uns gekommen. Wie mag Hans aussehen, und ist er gesund? Nichts können wir für ihn tun, das ist das Schlimmste. Ich sehne mich so nach ihm. Werden wir einander je wieder sehen? Ich fürchte

Donnerstag, 2. Oktober. Heute gehört, nachdem es drei Tage lang vor mir verheimlicht worden war, dass wieder 55 Jungen tot sind, unter anderen Guus M. (der Bruder von Sonja).

Mittwoch, 15. Oktober. Heute die entsetzliche Nachricht gehört, dass Hans auf der Totenliste steht und am 23. September gestorben ist. Ich bin völlig erledigt. Zu seinen Eltern gegangen. Es geht ihnen so schlecht, dass ich nicht einmal zu ihnen durfte. Gott, warum das alles? Ich gäbe meine Hand dafür, wenn ich Hans damit retten könnte. Auf der Liste waren 70 Namen, es sind nun noch ± 150 von den 700 übrig. Woran ist mein Junge gestorben, wie und wo ist er begraben, ist er überhaupt tot? Es macht mich verrückt …

Sonntag, 19. Oktober. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass es wahr ist. Wie kann Gott das zulassen? Gibt es überhaupt einen Gott?

Montag, 3. November. Bei den Eltern von Hans gegessen. Auch sie beginnen zu zweifeln. Ich merke, dass sie mich genauso mögen wie ich sie.

Mittwoch, 5. November. Die letzte Totenliste ist eingelangt, dieser zufolge sind nun alle tot. Jetzt glaube ich es überhaupt nicht mehr. Sollten sie an der Ostfront sein?

Montag, 1. Dezember. Hans heute 19 Jahre alt geworden. Hätte er selber gefeiert oder nicht? Ich war natürlich bei seinen Eltern.

1 Jänner 1942. Gebe Gott, dass uns 1942 den Frieden bringt, den wir uns wünschen, und dass alle Unsicherheit endlich eine Ende nimmt, indem wir erfahren, was in Mauthausen geschehen ist.

Hans, ich weiß nicht, ob du noch lebst, aber wenn du lebst, dann wünsche ich dir ein 1942, dass uns wieder zusammenbringt. Gebe Gott, dass du gesund bist!

Oh mein.“

Im Juli 1942 tauchen Annie, ihre Eltern und ihre Großmutter gemeinsam unter. Drei Jahre lang verbringt Annie eingeschlossen in einem Zimmer. All die Zeit trauert sie um ihren Freund Hans. Sie verfertigt eine Zeichnung, auf der sie die Geschichte ihrer Liebe schematisch in Bild bringt: von Weihnachten 1939 bis 11. Juni 1941. Er, Hans, ist am 1. Dezember 1923 geboren, sie, Annie, am 15. Mai 1924.

Die Eltern von Hans Miers überleben, ebenso wie Annie, weil sie während des Krieges untertauchen können. Unmittelbar nach der Befreiung schicken sie Annie einen Brief.

„Liebe Anneke!

Ich bin überglücklich, endlich von dir zu hören. Wir haben so oft an euch gedacht. Ich hoffe immer noch, unseren geliebten Jungen wieder zu sehen. Du doch sicher auch? Wir versuchen alles, um etwas zu erfahren.

Auf baldiges Wiedersehen, ich umarme dich, liebes Kind.

Deine Else Miers.“

Annie hielt den Kontakt mit den Eltern von Hans stets aufrecht. Auch als sie im Mai 1948 Heinz Kalmann heiratete, mit dem sie vier Kinder bekam, unter anderem den Verfasser dieser Zeilen.

Arjeh Kalmann

Arjeh Kalmann ist der Sohn von Annie Kalmann, geborene Cohen, die im Alter von 15 Jahren in Amsterdam Hans Alfred Meyers Miers kennengelernt hatte. Arjeh Kalmann ist Autor des 2015 erschienenen Buches Leef gelukkig! Een joods familieportret in egodocumenten.

 

 
Aus dem Niederländischen von Veronika Zangl


[1] Anm. d. Ü.: Hier ist der Ruderverein Poseidon gemeint.

[2] Anm. d. Ü.: Bekannte Tanzschule an der Leidsekade 102.

[3] Anm. d. Ü.: Gemeint ist wahrscheinlich die von Willy Rosen gegründete Kabarett-Truppe „Theater der Prominenten“.

Position im Raum