Józef Zemła 1887 - 1941
Geboren 7.11.1887 in Polanka Wielka
Gestorben 10.3.1941 in Gusen
Biografie
Józef Zemła wurde am 7. November 1887 in Polanka Wiejska bei Oświęcim in einer Bauernfamilie als Sohn von Franciszka Zemła, geb. Malec, und Jan Zemła geboren. Er kam am 10. März 1941 im Konzentrationslager Mauthausen (in Oberösterreich, rund 20 Kilometer von Linz entfernt), das als Grabstätte der polnischen Intelligenz bezeichnet wird, ums Leben.
Er war Doktor der Rechte der Uniwersytet Jagielloński (Jagiellonen-Universität).
Der Abschluss eines Universitätsstudiums an einer so renommierten Hochschule war für einen Jungen aus einem galizischen Dorf am Anfang des 20. Jahrhunderts sicherlich für seine gesamte Familie mit enormen Entbehrungen, vorwiegend finanzieller Natur, verbunden.
Die Aufnahme des Studiums setzte den Abschluss von zwei vorhergegangenen Stufen voraus – der Grundschule und des Gymnasiums. Die Grundschule (welche vier bzw. sechs Jahre dauerte) schloss er in seinem Heimatdorf ab. Dann setzte er seine Ausbildung im achtjährigen Gymnasium in Wadowice fort.
Nach Abschluss des Gymnasiums begann er sein Studium an der Jagiellonen-Universität an der juristischen Fakultät. Zweifellos konnte er von der Hilfe seines Onkels, Jan Malec, profitieren, welcher es trotz bäuerlicher Wurzeln ebenfalls geschafft hatte, eine Hochschulausbildung abzuschließen, die für Bauern aus einem galizischen Dorf Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts beinahe unerreichbar war. Beide waren Juristen – Jan Malec arbeitete in Andrychów als Anwalt und Józef Zemła bekleidete in der Zwischenkriegszeit ein Richteramt.
Der Erste Weltkrieg hat gnadenlos die an der universitären Bank gewonnenen Ideale revidiert. Das Abschlachten, welches sich die Völker Europas lieferten, wurde zu einer ständigen Belastung seines Bewusstseins. Umso mehr, da die Frage „Wozu das Ganze?“ weiterhin ohne Antwort blieb. In der Behauptung, dass es einem leichter fällt, sein Leben zu opfern, wenn es einen Gedanken gibt, der es wert ist, sein Leben dafür zu opfern, liegt wirklich viel Wahrheit. Wenn am Vorabend des 2. Weltkrieges die Engländer und Franzosen Hitler in allen Punkten nachgeben werden, dann muss man die Ursachen für dieses Verhalten vor allem auf den mit Blut getränkten Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges suchen.
Im 1931 veröffentlichten Buch mit dem Titel W żarnach życia (Mahlsteine des Lebens), welches vom bekannten Verlagshaus Gebethner & Wolff veröffentlicht wurde, unternahm er den Versuch, sich mit dem Albtraum des Krieges zu messen. Er gehörte zu jenen Menschen, welche den Unsinn des Krieges wahrnahmen. „Heute gibt es keine Menschenmengen um uns herum. […] Und wenn nur noch vor dem Abzug der Truppen das Weinen und Gejammer der Unglücklichen (Mütter, Ehefrauen und Schwestern mit den Blumen für die, die in den Krieg geschickt wurden) die Luft durchdrungen hätte und die Massen dieser gedankenlosen Menschenmenge erschüttert hätte, dann hätte die Menschheit vielleicht einen anderen Weg gefunden, die Konflikte zu lösen, dann hätte sich die Welt überlegt, was sie jetzt vorbereitet … dann hätte … dann hätte das vielleicht auch nichts geändert, weil sich die Menschheit seit Jahrhunderten, Jahrhunderten in ihrem eigenen Blut wälzen muss, um alle Grausamkeiten näher zu betrachten, welche sie in der Lage war sich auszudenken, um dann, nachdem die enormen Opferzahlen von Schuldigen und Unschuldigen erreicht wurden, dasselbe Lied über den allgemeinen Frieden zwischen den Weltvölkern immer wieder zu wiederholen.“[1] Er konnte das Leiden der Zivilbevölkerung nicht gleichgültig betrachten. Er schrieb: „Wie schwer fällt es einem, ein Kriegsheld auf Kosten der Leiden von anderen und der vergossenen Tränen zu sein. […] Das Hintreiben zu einem blutigen Kriegsschauspiel der Heiligtümer, welche man nicht beschmutzen sollte, ist einfach ein ungeheures Verbrechen, und das Vernichten seiner Nächsten, wobei man dabei ihr Schicksal verhöhnt, ist eines Menschen unwürdig, eines Menschen, der gern der Apostel vieler von ihm ins Leben gerufenen Ideen sein möchte. Mehr als jemals zuvor bedaure ich die Menschen, die in Gruppen an Hecken stehend, mit uns, den Soldaten und jenen, die den Krieg als ein großes Unglück verstehen, Mitleid empfinden. Auch wenn sie diesen Krieg nie gewollt haben, müssen sie doch sein enormes Grauen spüren und ihr Hab und Gut sowie ihr Leben als Opfergabe bringen. So ist die Welt, und so ist das Leben.“[2]
Allerdings kämpfte er, weil er als Unterleutnant auch die Verantwortung für das Leben der ihm unterstellten Soldaten trug, die sich – klarerweise ohne seine innersten Überlegungen zu kennen –nur an das erinnerten, was sie sahen, und seinen unglaublichen Mut und seine unglaubliche Selbstbeherrschung verkündeten.
Er selbst befürchtete, dass „die Nachfahren eines Tages nur trockene Fakten zu diesen Kämpfen erfahren werden. Sie werden sich an Helden erinnern, die unter schwierigen Bedingungen gegen einen Feind gekämpft haben. Sie werden unseren Mut und unsere Widerstandsfähigkeit beschreiben. Sie werden aber nicht erwähnen, wie schwach, wie unbeholfen wir sind, und wie weit wir vom Heldentum entfernt sind, auch wenn unsere Nachfahren ihre Vorfahren als wahre Helden sehen wollen.“[3]
Er floh vom Albtraum der Kriegsrealität in die Erinnerungen an die Jahre seiner Kindheit, die er im Heimatdorf verbrachte. In W żarnach życia brachte er auch die Elemente seiner Landschaft zum Ausdruck: sein von Bäumen umgebenes Haus, eine kleine alte Kirche, in verschiedene Himmelsrichtungen führende Weggabelungen, ein Hügel, von dem man einen wunderschönen Ausblick auf die Umgebung in der Ferne genießen konnte. Hier las er als Kind im Schein einer Öllampe, als draußen die Dämmerung einsetzte, über Ideen, Helden und große Taten. In Gedanken kehrte er in die Zeit seiner Jugend in Wadowice zurück. „Ich kann mich – sagte der Unterleutnant weiter – an die Augenblicke meiner ersten Jugendzeit erinnern. Ich lebte in einer kleinen Stadt am Fuße der Karpaten. Es war einer von vielen wunderschönen, winterlichen Abenden. Das Schneerieseln hüllte die Straßen der kleinen Stadt ein. Das schwache Licht der Öllampen glitzerte an den Straßenecken. Ein Schlitten eilte hinter die kleine Stadt zu einer Weggabelung; die Pferde schnaubten, als sie die in Decken gehüllten Menschen im Schlitten zogen. Die Glocken läuteten voller Entzückung. Ich habe mit Freude aus dem Fenster in die Ferne geblickt. Auf den Berghängen stand der mächtige, von Schnee bedeckte Wald. Aus einem der Häuser in dieser kleinen Stadt sprangen leise Klaviertöne in die weite Welt. Eine zitternde Hand zauberte eine nette, für immer unvergessliche Melodie. Die Musik schuf zusammen mit der wunderbaren Natur eine Zauberwelt, in welche meine Gedanken unaufhaltsam eilten. So schnell wie möglich erwachsen werden – dachte ich – und in diese weite Welt hinausgehen, die kleine Stadt hinter sich lassen, die Meere und Berge überqueren, die Wälder durchqueren. Das Leben eines Menschen muss einfach herrlich und wunderschön sein.
Und dann bin ich erwachsen geworden. Jetzt bin ich schon weit auf meinem Lebensweg gegangen [Anm. d. Verf.: diese Sätze schrieb er als 27-jähriger Mann]. Ich gehe zu einer ähnlichen Zeit wie damals unter Bäumen entlang, die großzügig von Schnee umhüllt sind. Ich überquerte Berge und durchquerte Wälder. Ich überquerte das Meer des menschlichen Hasses. In meiner Nähe ragen Felsen auf [Anm. d. Verf.: Gegend um Ojców und Wolbrom], die an den Bäumen angebundenen Pferde wiehern; aber ich schaue jetzt nicht aus einem Fenster eines warmen Zimmers in die Welt hinaus, und keine wunderschöne Melodie verzaubert mich. Tja, anstatt das Leben aus der Ferne zu betrachten, stecke ich zwischen seinen Mahlsteinen und quäle mich, kämpfe mich ab. Anstatt des Klaviers spielen die Kanonen, und anstatt der Schlittenglocken ertönen die Geschosse. Ich bin an dieser Seite eines Fensters in einem warmen Raum.“[4]
Ein Freund aus der gemeinsamen Studienzeit, mit dem er zusammen in den Krieg ging, merkt an: „Erinnerst du dich daran […] wie viele Ideale wir im Leben hatten? Mit wie viel Schwung wir uns daran machten, das Gebäude der Zukunft zu errichten […]. Aus den alten Tempeln und Gemäuern sprach die Vergangenheit ohne Reibungen und ohne Schmerzen zu uns, obwohl es dort genauso viele Reibungen wie heutzutage gab […]. Wir suchten darin aber immer nach dem, was schön und erhaben war, weil wir uns so eine Zukunft gewünscht haben. Heute sehen wir, dass die Wege, die wir eingeschlagen haben, zu keinem Triumph über eines unserer Ideale führen werden. Daher müssen wir uns verteidigen, damit wir keinen moralischen Tod wie die anderen sterben, solange wie wir noch körperlich da sind.“[5]
„Sie gingen wieder einmal in den Schlamm hinein, hoben Gräber aus und versteckten sich dabei hinter den toten Körpern ihrer Kameraden, wurden vom Regen durchnässt und froren im Schnee. Sie hatten Hunger, waren erschöpft, mit Schlamm bedeckt, ein Abbild von Armut und Verzweiflung.“[6] So begann das Ende der kaiserlichen Armee. Körperlich erschöpft, von den Anwohnern der Dörfer und Städte verflucht und vertrieben, legten sich die Soldaten in die Straßengräben, um dort umzukommen. Mit ihren Körpern bedeckten sie die Straßenränder. Die Route der sich zurückziehenden österreichischen Armee war mit Gräbern übersät, welche die Straßen und die an die Straßen angrenzenden Wiesen bedeckten.[7]
Während der Kämpfe in der Gegend von Pilica geriet er in russische Gefangenschaft und schlug mit anderen Gefangenen den von seinen Vorgängern schon vorgezeichneten Weg nach Sibirien ein, wohin man die Gefangenen als Feinde des Zaren für die Verrichtung von Schwerstarbeit trieb. Auf diesem Weg starben viele Gefangene – aufgrund von Hunger, Kälte und Krankheiten. Das gemeinsame Schicksal lässt aber keinen Platz für Bruderschaft oder Mitleid. Józef Zemła hat diese Zeit wie folgt beschrieben: „Er spürte, dass er unermesslich erschöpft ist, dass er hungrig ist, und es war ihm bewusst, dass er in einer Menge von fluchenden Menschen weitergehen und sich erniedrigen lassen muss. Brutal schubste er die mitlaufenden Kammeraden weg, als sie auf seine Fersen traten. Er ging von der Menge weg, um sich dann wieder sich in die Menge hineinzuzwängen, er empörte sich bei Beleidigungen, und beleidigte selbst jene in seiner unmittelbaren Nähe. Vor Chmielnik verursachte er einen Tumult. Er griff mit ungebändigter Verbissenheit einen anderen Gefangenen an. Sie schlugen sich gegenseitig mit den Fäusten, er trat und biss wie ein wildes Tier.“[8]
In Sibirien arbeitete er eine gewisse Zeit lang mit anderen Gefangenen auf den örtlichen Bauernhöfen. Die Bauern waren einfache Leute, deren Leben sich durch schwere Arbeit auszeichnete. Für den örtlichen Kommandanten arbeitete er als Schreiber, der die Ungarn und Rumänen, mit deren Namen die Russen nicht zu Recht kamen, aufschrieb. Hier traf er den Sohn eines Verbannten, der am Januar-Aufstand teilgenommen hatte. Der Sohn des Aufständischen lud ihn in sein Haus ein, welches komplett russifiziert war, seine Kinder und Enkel haben kein Wort Polnisch gesprochen; dieses Haus unterschied sich nur in einem Punkt von den Häusern russischer Bauern – an der Wand hing ein kleines Bild der Maria, der Mutter Gottes von Częstochowa.
Den sibirischen Winter beschreibt er als schön, aber bedrohlich. „Jahr für Jahr verschlingt er beinahe in jedem Dorf Opfer an Menschen und Tieren. Das passiert normalerweise, wenn ein Buran [Anm. d. Ü.: starker Sturm in den Steppen] aufsteigt und die gesamte Steppe mit Schnee bedeckt. Ein von einem Dorf weiter entfernter Mensch verliert die Orientierung, und ein in einen Schlitten eingespanntes Pferd kann den Weg nicht finden und kehrt zu den gleichen Orten zurück. Allmählich wird es schwächer, bleibt stehen und nicht allzu selten geht es ein.“[9]
Die Ereignisse des Jahres 1917 beschreibt er wie folgt: „Es passierte bereits in Juli 1917. Die russische Armee führte eine eigentlich nicht gelungene Offensive im östlichen Małopolska durch. Aufgrund der Verschlechterung der Lage Russlands an der Front wurden die Gefangenen in Konzentrationslager verlegt, wo viele von ihnen starben.“
Es war womöglich eine der tragischsten Erfahrungen, die er gemacht hat. Das Verhalten der Gefangenen in den Lagern beschreibt er wie folgt: „Sie haben ihre schmutzige Unterwäsche nicht gewaschen und sich nicht rasiert, obwohl fast alle jung waren. Auf das Essen stürzten sie sich wie eine Horde von abgemagerten Hunden, welche sich auf dem Platz von den Baracken zerfetzen. Sie rissen einander die besseren Happen weg, und dann krochen sie auf ihre Liegeplätze und deckten sich mit allem zu, was sie finden konnten, und dann fluchten sie. Sie fluchten und beschwerten sich über die ganze Welt. Nichts war ihnen heilig, nichts war ihnen wert, sich aufzuopfern, nichts gab ihnen einen Grund zum Heldentum. Es gab keine Freunde, es gab keine Großzügigkeit […]. Die Geschichte der Menschheit hatten sie von Anfang bis Ende durch. Sie bewarfen die Bemühungen eines Menschen um eine Verbesserung des Daseins mit Dreck, sie beschmutzten die Familie, und den Menschen selbst stellten sie komplett bloß. Es schien, als ob alles, woran die Menschheit bis jetzt geglaubt hatte, alles, was dem Leben eines Menschen einen Wert verliehen hatte, plötzlich verschwand und unwiederbringlich verloren ging. Es schien, als ob in diesen Menschen-Milieus eine neue menschliche Gattung entstehen würde – ein furchtbarer, alles hassender Mensch, der nur dazu in der Lage ist, zu zerstören. Aber unter diesen Lumpen und auf diesen Pritschen hat das menschliche Herz trotz aller bedrückender Erlebnisse und manchmal begangener grauenvoller Taten nicht aufgehört zu schlagen. Derselbe Mensch hat nicht aufgehört zu vegetieren, der unter anderen Lebensumständen das Böse verdammt und Mitgefühl für die Mitmenschen empfindet.“
Das Martyrium der Verbannung beschrieb Józef Zemła in seinem Buch W obozach jeńców wojennych na Syberii (In den Gefangenlagern in Sibirien), welche wie sein vorheriges Buch im Jahre 1934 vom Verlagshaus Gebethner & Wolff herausgegeben wurde.
Beide Bücher liefern eine erschütternde Beschreibung seiner Erlebnisse und persönlichen Überlegungen im Zusammenhang mit Krieg und Gefangenschaft. Sie sind ein Tagebuch, eine tragische Aufzeichnung seiner Jugendjahre, die er mit dem Kampf um sein Leben und dem Erhalt der Menschenwürde zubrachte.
Nach dem Krieg wurde er zum Leutnant befördert. Er arbeitete als Richter in Śląsk (vermutlich in Mysłowice oder Katowice). Der Wunsch, das Andenken an das Schicksal der Polen in Sibirien im Gedächtnis der Nation zu bewahren, war so stark, dass er zusammen mit Jerzy Sawicki, einem Pfadfinder-Aktivisten aus Jekaterinburg, den Entschluss fasste, im Jahr 1926 in Katowice den Verein der Sibirjaken (Związek Sybiriaków) zu gründen.
Auf dieses Beispiel Bezug nehmend, entstanden lokale Gruppen von Sibirjaken, die aus Verbannten, Soldaten der 5. Sibirischen Division der Polnischen Schützen, welche an der von Armeeadmiral Aleksander Kołczak geführten Anti-Bolschewiken-Offensive teilnahmen, der Pfadfinderjugend aus Fernost sowie aus Menschen verschiedener Berufen bestanden, welche durch das Schicksal ihrer beruflichen Tätigkeit in Sibirien verbunden waren, da es hier im Land an der Weichsel keinen Platz für sie gab.
Die Zeit, in der sich die Notwendigkeit der Gründung einer solchen Organisation herauskristallisierte, fiel mit dem Jubiläum des 10. Jahrestages der Wiedergeburt des polnischen Staates zusammen. Die Notwendigkeit, die sibirische Bewegung zu integrieren, wurde innerhalb verschiedener gesellschaftlicher Umfelder wahrgenommen – unter Akademikern, im militärischen Umfeld und unter Wissenschaftlern. Stefan Wojstamski, der ständige Beziehungen zu den sogenannten „Vertiefern“ unterhielt, welche im Jahre 1926 die lokale sibirische Organisation ins Leben gerufen hatten und zu denen auch Józef Zemła gehörte, war ein Befürworter dieser Handlungen.
Schließlich wurde im Jahr 1928 der 1. Kongress der Sibirjaken einberufen, welcher in Warszawa an einem bezeichnenden Ort, der Warschauer Zitadelle, von wo die weiteren Transporte der Verbannten starteten, abgehalten wurde. Der Kongress wählte einstimmig die Ehrenmitglieder des Vereins Józef Piłsudski, welcher den Mitgliedsausweis Nr. 1 erhielt, sowie Wacław Sierszewski, welcher lange Jahre in der Verbannung in Jakutien verbracht und die Kultur der Jakuten studiert hatte, ein bekannter Schriftsteller und Unabhängigkeitsaktivist. Gebietsverbände des Vereins waren unter anderem in Kraków, Toruń, Katowice tätig. Innerhalb der Gebietsverbände gab es auch Kreisverbände, wie beispielsweise in Chrzanów.
Die programmatische Tätigkeit des Vereins hatte zum Zweck, den Schutz sibirischer Traditionen zu gewährleisten, war aber auch auf eine aktive, berufliche Tätigkeit der Sibirjaken beim Aufbau eines unabhängigen Heimatlandes ausgerichtet. Józef Zemła trug dazu bei, indem er den polnischen Staat als Richter in einem schwierigen Gebiet von Górny Śląsk vertrat, wo es eine sehr starke und gut organisierte deutsche Bevölkerung gab. Zweifellos halfen ihm bei der Arbeit seine perfekten Deutschkenntnisse und die Erfahrungen, die er während seines Dienstes in der österreichischen Armee gesammelt hatte.
Der Verein der Sibirjaken konnte nach dem Zweiten Weltkrieg aus offensichtlichen Gründen nicht weiterbestehen. Er nahm seine Tätigkeit erst im Jahr 1988 wieder auf, und die 1. Generalversammlung des Vereins wurde am 1. Jänner 1989 abgehalten, dabei wurde Ryszard Reiff, ein ehemaliger Soldat der Armia Krajowa [Anm. d. Ü.: Polnische Heimatarmee], welcher als einziges Mitglied des Kabinetts das Dekret über die Ausrufung des Kriegsrechts im Dezember 1981 nicht unterzeichnet hatte, zum Vorsitzenden gewählt. Kurz darauf begannen die lokalen Organisationen des Vereins der Sibirjaken auf dem gesamten Gebiet des Landes zu entstehen.[10]
Joanna Drabczyk-Syty
[1] J. Zemła: W żarnach życia (Gebethner & Wolff, 1931), S. 16
[2] Ebd., S. 28.
[3] Ebd., S. 229.
[4] Ebd., S. 229-230.
[5] Ebd., S. 196-197.
[6] Ebd., S. 198.
[7] Ebd., S. 198-200.
[8] J. Zemła: W obozach jeńców wojennych na Syberii [In den Gefangenlagern in Sibirien] (Gebethner & Wolff, 1934), S. 14–15.
[9] Wie oben, S. 59.
[10] A. Kuczyński: 75-letnia historia Związku Sybiriaków „Umarłym pamięć, żyjącym pojednanie“ ze strony internetowej: www.wspolnota-polska.org.pl [75-jährige Geschichte des Vereins der Sibirjaken „Gedenken für die Verstorbenen, Versöhnung für die Lebenden“, von der Internetseite: www.wspolnota-polska.org.pl]
Position im Raum

