Stefan Toboła 1898 - 1941

Geboren 26.8.1898 in Robakowo
Gestorben 3.12.1941 in Gusen

Biografie

Stefan Toboła wurde am 26. August 1898 in Robakowo im Landkreis Śrem (Schrimm) geboren. Sein Vater, Wojciech Toboła, wurde am 28. März 1872 in Trzebisławki im Landkreis Środa (Schroda, Neumarkt) geboren; seine Mutter, Katarzyna Toboła, geborene Kozak, wurde am 17. November 1864 in Zegrze im Landkreis Poznań (Posen) geboren. Die Eltern von Stefan waren Landwirte. In der Grundschule in Robakowo, wo die Unterrichtssprache Deutsch war, erhielt Stefan die Grundschulausbildung, daher beherrschte er – neben der polnischen Sprache – auch die deutsche Sprache sehr gut in Wort und Schrift. Er erwarb dort auch andere Fähigkeiten, welche für die Landwirte sowohl in der Praxis als auch in der Theorie unentbehrlich waren. Die landwirtschaftliche Ausbildung vervollständigte er in Śrem, wo er die Qualifikationen als landwirtschaftlicher Beamter erhielt.

1917 wurde er in die deutsche Armee einberufen. Während des 1. Weltkriegs kämpfte er als Schütze an der Westfront bei Lille in Frankreich. Mitte des Jahres 1918 war er in Robakowo (wahrscheinlich während eines Urlaubs). Zu dieser Zeit engagierte er sich aktiv bei der polnischen Unabhängigkeitsbewegung und bereitete sich – wie viele Bewohner von Robakowo, Kórnik (Burgstadt) und Umgebung – auf einen Widerstand gegen die Besatzungsmächte vor.

Im November 1918 begannen sich die Einheiten der Wojsko Wielkoposkie (polnische Streitkräfte auf dem Gebiet der ehemaligen preußischen Besatzung) (teilweise im Rahmen der deutsch-polnischen Grenzschutzeinheiten) zu formieren. Im Wehrpass vermerkte man, dass Stefan Toboła sich am 11. November 1918 als Freiwilliger bei den Wojsko Wielkoposkie meldete. Er wurde der sich formierenden Kompanie von Kórnik unter dem Kommando von Dr. Stanisław Celichowski zugewiesen. Diese Kompanie gehörte zum Bataillon von Śrem, welches dann zum 1. Bataillon des 11. Regiments der Strzelcy Wielkopolscy (Großpolnische Schützen) wurde.

Nach dem Ausbruch des Powstanie Wielkopolskie (Posener bzw. Großpolnischer Aufstand) am 27. Dezember 1918, welcher in Stefans Wehrpass als „Krieg gegen die Deutschen“ eingetragen wurde, brach die Kompanie am Abend von Kórnik in Richtung Poznań auf. Anfang Januar 1919 wurde das Bataillon von Śrem nach Zbąszyń (Bentschen) beordert, wo es in den blutigen Kämpfen bei Łomnica (Lemnitz) und Strzyżewo (Strese) seine Feuertaufe erhielt.

Als Soldat des 1. Bataillons des 11. Regiments der Strzelcy Wielkopolscy versah Stefan seinen Wehrdienst an der polnisch-deutschen Grenze in der Gegend um Rawicz (Rawitsch), Leszno (Lissa) und Kępno (Kempen), wobei er seit Oktober 1919 seinen Grenzschutzdienst an der Demarkationslinie versah. Am 10. Dezember 1919 war das 1. Bataillon des 11. Regiments der Strzelcy Wielkopolscy in Reserve in Ostrów (Ostrowo) und Skalmierzyce (Skalmierschütz) stationiert und bereitete sich auf den Abmarsch an die Ostfront vor, wo der Polnisch-Sowjetische Krieg begann. Im Februar 1920 wurde das 11. Regiment der Strzelcy Wielkopolscy in 69. Infanterieregiment umbenannt. Das 69. Infanterieregiment gehörte zur 17. Infanteriedivision der polnischen Armee, welche die Reserve der Nord-Ost-Front bildete.

Im März 1920 agierte das 69. Infanterieregiment in der Gegend um Borysowo (Borishof) und nahm aktiv an der Połock-Offensive (Polozk, Stadt in Weißrussland) teil. Die Handlungen der Sowjetarmee zwangen die Verbände der polnischen Armee zum Rückzug, welcher bis Anfang September 1920 andauert. Während der Schlacht um Warschau operierte die 17. Infanteriedivision innerhalb der 5. Armee unter dem Kommando von General Władysław Sikorski in der Gegend um Modlin und Nasielsk. Mit dem Sieg in der Schlacht um Warschau begann die Offensive der polnischen Armee, die bis November 1920 anhielt; das 69. Infanterieregiment beendete seine Teilnahme am Polnisch-Sowjetischen Krieg mit der Rückkehr zur ständigen Garnison in Bydgoszcz (Bromberg).

Während der Offensive der polnischen Armee nach der Schlacht um Warschau wurde Stefan Toboła bei den Kämpfen um Stoczek (Springborn) verwundet. Für seine vorbildliche Haltung als Soldat erhielt er im Jahr 1920 das Krzyż Walecznych (Tapferkeitskreuz); im Oktober 1920 wurde er zum Oberschützen und im November 1920 zum Korporal befördert. Im Juli 1921 wurde er unbefristet beurlaubt und kehrte in seinen Heimatort Robakowo zurück.

Nach dem Ende seines Wehrdienstes, den er zwischen 1917 und 1921 leistete, setzte Stefan seine Arbeit auf dem Bauernhof in Robakowo fort; dabei waren ihm auch seine Qualifikationen im Bereich der Verwaltung von großen Landgütern und Vorwerken von Nutzen. 1924 kaufte er gemeinsam mit seinen Eltern einen Bauernhof mit einer Fläche von rund 75 ha in Grabowo (Buchfelde) in der Gemeinde Trzemeszno (Tremessen), Landkreis Mogilno (ein Teil des Kaufpreises wurde gleich beglichen, der Rest wurde auf Raten aufgeteilt). Der Boden in Grabowo war großteils einer niedrigeren Klasse IV - VI zuzuordnen und brachte verhältnismäßig niedrige Erträge, daher erleichterten die erwirtschafteten Erträge die Rückzahlung der Schulden nicht.

Am 10. Oktober 1928 heiratete Stefan in Witkowo (Wittingen) in der Gemeinde Gniezno (Gnesen) Katarzyna Bosacka, geboren am 29. April 1903 in Flowark in der Gemeinde Gniezno, Tochter von Wojciech Bosacki (1868-1933) und Marianna, geborene Skowrońska (1873-1945). Die Eheleute Katarzyna und Stefan hatten fünf Kinder:

  • Marianna Stefania (geboren am 10. Juni 1930),
  • Kazimierz Wojciech (geboren am 24. Februar 1932 – verstorben am 22. Dezember 1996),
  • Stanisław Józef (geboren am 23. März 1934 – verstorben im Dezember 2005),
  • Zygmunt (geboren am 30. April 1937),
  • Elżbieta (geboren am 02. Juli 1939).

In Grabowo lebten neben polnischen Einwohnern drei deutsche Familien. Vor dem Krieg verlief das Zusammenleben der Menschen ohne Konflikte. Laut Beurteilung des Umfelds von Stefan waren seine Kontakte mit den Einwohnern deutscher Abstammung tadellos. Stefan beteiligte sich engagiert am gesellschaftliche Leben und der Selbstverwaltung der Ortschaft. Er war Ortsvorsteher bzw. war im Rat des Ortsvorstehers tätig, arbeitete beim Komitee für den Ausbau der allgemeinbildenden Schule in der Ortschaft Kruchowo mit, zu deren Einzugsgebiet auch Grabowo gehörte, er war der Initiator und einer der Hauptorganisatoren der Errichtung der Figur der Heiligen Mutter Gottes in Grabowo im Jahr 1935. Als Mitglied des Rates des Ortsvorstehers wurde er 1939 verpflichtet, sich bei der Internierung von Männern mit deutscher Abstammung zu beteiligen.

Nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges verschlechterten sich die polnisch-deutschen Beziehungen unter der örtlichen Bevölkerung aus offensichtlichem Grund. Stefan arbeitete weiter am Hof bis zum Frühjahr 1940. Im April 1940 erschienen in der Ortschaft Polizeifunktionäre, welche von Stefan verlangten, sein Krzyż Walecznych (Tapferkeitskreuz) herauszugeben; sie nahmen den Orden mit und verließen die Ortschaft. Die Stefan wohlgesonnenen Deutschen warnten ihn und rieten ihm, Grabowo zu verlassen. Stefan war sich allerdings sicher, dass er sich nichts hatte zuschulden kommen lassen und kannte die in der Umgebung lebenden Deutschen gut, und insbesondere konnte er seine fünf kleinen Kinder und seine kranke Ehefrau (Katarzyna litt an einer fortgeschrittenen Lebererkrankung) nicht alleine lassen.

Daher blieb er auf dem Hof. Ein Teil der ihm bekannten Bewohner von Grabowo hörte auf die Deutschen und fuhr in die Kongresówka (Kongresspolen, später Generalgouvernement) und überlebte den Krieg. Etwas später, am 4. Mai 1940, wurde Stefan von der örtlichen Gestapo angehalten und mit ein paar anderen Polen im Gefängnis in Trzemeszno festgesetzt. Von dort wurden die Festgenommenen in das Durchgangslager in Szczeglin bei Mogilno verlegt, wo sie bis zum 7. Mai 1940 festgehalten wurden. An diesem Tag wurden sie von der Bahnstation Mogilno in Viehwagons über Poznań, Guben, Dresden und München nach Dachau gebracht, wo sie am 9. Mai 1940 ankamen. Im Konzentrationslager Dachau erhielt Stefan die Häftlingsnummer 9424.

Im Konzentrationslager Dachau wurde Stefan Toboła als Person eingestuft, die eine potentielle Bedrohung für die deutschen Bürger und den deutschen Staat darstellte; in den Unterlagen des Konzentrationslagers wird als Deportationsgrund angegeben: „Pole (Schutzhaft)“. Aus diesem Grund wurde Stefan am 2. August 1940 vom Konzentrationslager Dachau in ein Konzentrationslager mit verstärkten Vorkehrungen, das Konzentrationslager Mauthausen, Kommando Gusen überstellt, wo ihm die Häftlingsnummer 7201 zugewiesen wurde. Aus einem Brief an seine Ehefrau vom 2. Dezember 1940 geht hervor, dass er sich damals im Block 2, Stube A befand.

Im Unterlager Gusen hatte Stefan die Häftlingsnummer 4751. Im Konzentrationslager Mauthausen/Gusen wurde er zuerst der extrem zermürbenden Arbeit im Steinbruch zugeteilt, später arbeitete er im Lager für Häftlingskleidung. Indirekt hat seine Familie durch überlebende ehemalige Gefangene erfahren, dass er wahrscheinlich die Möglichkeiten, die ihm seine Position dort bot, dazu nutzte, Gefangenen in Not zu helfen. Davon erfuhren die SS-Männer im Konzentrationslager, welche zum grausamen Tod von Stefan am Appellplatz in Gusen am 3. Dezember 1941 um 5.50 Uhr beitrugen. Zwei Tage später wurde sein Körper im Krematorium des Konzentrationslagers verbrannt. In den Unterlagen des Konzentrationslagers wird „Eitriger Dickdarmkatarrh“ als Todesursache vermerkt. Da man über die Realität des Konzentrationslagers sowie die verbrecherischen Praktiken der SS-Leute im Bilde war, kommentierte die Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen die Todesursache von Stefan wie folgt: „die vermerkte Todesursache muss nicht unbedingt mit der tatsächlichen Todesursache des Häftlings übereinstimmen“.

Nach der Festnahme von Stefan wurde seine Familie aus dem eigenen Haus ausquartiert (fünf kleine Kinder im Alter zwischen einem und zehn Jahren, seine kränkelnde Ehefrau Katarzyna, sowie zwei Greise, die Eltern von Stefan). Stattdessen wurden ihnen ein Zimmer und eine Küche zugeteilt. Der Hof der Familie Toboł wurde von einem deutschen Kriegsinvaliden übernommen, welcher dort oft verschiedene, gesellschaftliche Zusammenkünfte organisierte, und dabei die Vorräte des Hofes nach und nach verzehrte. Die kranke Katarzyna war dort Hauswirtschafterin. Ein inhaftierter Ehemann, die erschöpfende Arbeit, die Pflichten gegenüber der Familie und die sich verschlechternde finanzielle Situation bewirkten, dass sie nach und nach immer kranker wurde – eine Zeit lang war sie sogar in stationärer Behandlung in einem Spital. Katarzyna verstarb nach langer Krankheit am 28. Juli 1941. Nach ihrem Tod wurde die Lage für ihre Kinder und Schwiegereltern noch schwieriger. Die Jüngsten wurden in die Obhut von Verwandten gegeben, die älteren Kinder wohnten zusammen mit den Großeltern weiterhin in der ihnen zugeteilten kleinen Wohnung. Als die Kinder heranwuchsen, nahmen sie verschiedene Arbeiten an – die Jungen hüteten Kühe und die älteste Tochter (11 Jahre alt) half dabei, den Haushalt zu führen, und versuchte, ein bisschen Geld bei den Nachbarn zu verdienen.

Über das Ableben von Stefan informierte das Gemeindeamt seinen Vater Wojciech, welcher beschloss, dies vor der Familie geheim zu halten. Die Nachbarn wussten allerdings Bescheid. In ihrer Zerstreutheit informierte eine der Nachbarinnen Stefans Mutter Anfang des Jahres 1942 über seinen Tod. Die tragische Nachricht über das Schicksal ihres Sohnes war die Ursache für ihren plötzlichen Tod am 23. Mai 1942. 

Zygmunt Toboła

Die Kurzbiografie wurde 2019 vom jüngsten Sohn von Stefan Toboła, Zygmunt ausgearbeitet, unter Heranziehung von Dokumenten in Familienbesitz, des Wehrpasses (PKU, Powiatowa Komenda Uzupełnień Wojskowych, in etwa: Landkreis-Kommandantur für die Militärorganisation[1], Jarocin (Jarotschin) 1918; die Einberufungsliste: 346/Śrem sowie Unterlagen, die seitens der Organisation IST, Internationaler Suchdienst Bad Arolsen (Aktenzeichen: T/D – 2 227 928) zur Verfügung gestellt wurden.

 



[1] Anm. d. Übers.: war in Friedenszeiten zuständig für Wehrdienst- und andere Armee-Angelegenheiten

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