Wolfgang Waller 1880 - 1940 Bearbeiten
Geboren 28.11.1880 in Hohenfels
Gestorben 6.7.1940 in Mauthausen
Biografie
„Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen“[1], sagte der Regensburger Schifffahrtsbeamte Wolfgang Waller im November 1936 vor dem Amtsgericht beim Landgericht Regensburg zu seiner Verteidigung. Als Zeuge Jehovas lehnte er den Hitlergruß und den Wehrdienst ab – ebenso wie die rund 25.000 Zeugen Jehovas in Deutschland, die sich bereits ab 1933 kompromisslos und als Religionsgemeinschaft geschlossen dem Führerkult und der NS-Judenhatz verweigerten sowie für das christliche Prinzip der Gleichheit aller Rassen eintrate
Wolfgang Waller, geboren am 28. November 1880 in Hohenfels bei Parsberg, bekannte sich gemeinsam mit seiner Ehefrau Maria ab 1929 zu den „Ernsten Bibelforschern“, wie Jehovas Zeugen damals genannt wurden. Seit die Religionsgemeinschaft im April 1933 in Bayern verboten worden war, hatte er „fortgesetzt für die Lehre und den Glauben des Vereins geworben und dessen Bücher und Zeitschriften vertrieben.“ Eine erste Verhaftung und Gefängnisstrafe von einem Monat im Januar 1934 veranlassten ihn „nicht dazu […], sich den bestehenden Gesetzen und Verordnungen zu fügen“. Vielmehr organisierte Wolfgang Waller mit weiteren 15 Zeugen Jehovas in Regensburg von 1934 bis 1936 drei konspirative Gruppen im aktiven, gewaltlosen Widerstand. Für die NS-Machthaber galten diese religiösen Treffen zum gemeinsamen Lesen der Bibel als „höchst staatsgefährdend“.[2]
Nach seiner zweiten Verhaftung im September 1936 bekräftigte Wolfgang Waller, wie oben beschrieben, vor Gericht seinen Widerstand und musste eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und drei Monaten in der Strafanstalt Nürnberg-Zellenstraße verbüßen. Direkt im Anschluss wurde er – wie im Fall von Gegnern des Regimes gängige Praxis – „von [der] Polizei abgeholt wegen Inschutzhaftnahme“[3] im KZ Dachau. Als einzige religiöse Gruppe überhaupt wurden Jehovas Zeugen in den KZ als gesonderte Häftlingskategorie erfasst: mit dem lila Winkel. Durch Unterschrift einer „Erklärung“, ihrem Glauben abzuschwören, wären sie freigekommen. Im September 1939 überstellte man Wolfgang Waller in einer Gruppe von 144 Zeugen Jehovas aus dem KZ Dachau in das KZ Mauthausen. Die Torturen der hier „zielstrebig“ durchgeführten „Vernichtungsaktion“ an den Bibelforschern[4] sowie die mörderischen Bedingungen während des äußerst strengen Winters 1939/40[5] überlebte er nicht.
Zwar ist als amtliche Todesursache im Totenbuch von Mauthausen eingetragen: „Gehirnschlag, Arterien-Verk[alkung], Bluthochdr[uck].“[6] Das allerdings ist, wie bei den meisten in den Gefängnissen, KZ und NS-Tötungsanstalten amtlich eingetragenen Todesursachen in jener Zeit, eine bewusste Verschleierung der Tatsachen. Seine Kameraden hielten 1945 schriftlich fest, dass Wolfgang Waller verhungert war.[7]
Seine Witwe Maria musste nicht nur während der Kriegsjahre mit einer geringen Rente ums Überleben für sich und ihre schwer behinderte Tochter Elisabeth kämpfen, sondern unermüdlich bis zu ihrem Tod im Jahr 1962 in Schreiben an die für Renten- und Entschädigungszahlungen zuständigen Behörden um finanzielle und medizinische Hilfe bitten – meist ohne Erfolg.[8]
Seit 2006 erinnert eine Gedenktafel am Minoritenweg 9 in Regensburg, seit 2010 auch ein Stolperstein an den Widerstand von Familie Waller.
Sandra Breedlove
[1] Gerichtsurteil des Schöffengerichts beim Amtsgericht Regensburg gegen Heinrich Lutterbach und neun weitere Zeugen Jehovas vom 27. November 1936 (V.R.248/36). Staatsarchiv Amberg, Bestand Staatsanwaltschaft Regensburg Nr. 978.
[2] Gerichtsurteil des Schöffengerichts beim Amtsgericht Regensburg gegen Heinrich Lutterbach und neun weitere Zeugen Jehovas vom 27. November 1936 (V.R.248/36). Staatsarchiv Amberg, Bestand Staatsanwaltschaft Regensburg Nr. 978.
[3] Staatsarchiv Nürnberg, Gefangenenbücher JVA-Nürnberg, Nr. 78, Eintrag 975.
[4] „Nachdem Ende Februar 1940 im Lager eine Musterungskommission erschienen war und Berichten zufolge ungefähr 35 Zeugen Jehovas die Unterschrift unter den Wehrpaß verweigerten, wurden diese im Mauthausener Steinbruch systematisch zu Tode geschunden.“ Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“ (München 41999), S. 325, 420.
[5] „Der gefürchtete, strenge Winter (1939/40) war für uns [Zeugen Jehovas] eine außergewöhnliche Prüfung. Bei Hunger, Mangel an Kleidung und einer Kälte von -20° bis -30° Celsius und einer Schlafstätte, deren Wände fingerdick mit Eis überzogen waren, achtete die SS-Wache darauf, dass keiner der [Zeugen] … über ihre einfachen Bettdecken Mäntel als zusätzliche Schlafdecken benutzte. Im Tagesaufenthaltsraum gab es keinen Ofen.“ Ludwig Hillinger, Kraft, die über das Normale hinausgeht. Zeugnisse unerschütterlichen Glaubens (Oberwang in Österreich 1999), S. 34.
[6] KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Totenbuch des SS-Standortarztes Mauthausen, KGM 2.2.26.0001 (AMM Y/30).
[7] Liste der Toten von Dachau, Mauthausen und Gusen, Juni 1945, Jehovas Zeugen in Deutschland, K. d. ö. R., Archiv.
[8] Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Akte LEA 38525.
Bibliografie zum Thema „Jehovas Zeugen im Nationalsozialismus“:
Falk Bersch: Aberkannt! Die Verfolgung von Jehovas Zeugen im Nationalsozialismus und in der SBZ/DDR (Berlin 2017).
Gerhard Besier/Katarzyna Stokłosa (Hg.): Jehovas Zeugen in Europa – Geschichte und Gegenwart, 3 Bände (Berlin 2013–2018, Studien zur Kirchlichen Zeitgeschichte, Band 5–7).
Gerhard Besier/Clemens Vollnhals (Hg.): Repression und Selbstbehauptung: Die Zeugen Jehovas unter der NS- und der SED-Diktatur (Berlin 2003, ZGF 21).
Anita Farkas: Geschichte(n) ins Leben holen. Die Bibelforscherinnen des Frauenkonzentrationslagers St. Lambrecht (Graz 2004).
Detlef Garbe: Der lila Winkel. Die „Bibelforscher“ (Zeugen Jehovas) in den Konzentrationslagern. In: Dachauer Hefte (1994) 10, hg. von Wolfgang Benz und Barbara Distel.
Detlef Garbe: Zwischen Widerstand und Martyrium: die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“ (München 41999).
Heide Gsell/Bernd Gsell/Peter Stocker/Greg Wohlfahrt (Hg.): Ich bleibe fest. Jehovas Zeugen in Techelsberg am Wörthersee während des Nationalsozialismus (Klagenfurt 2017).
Heide Gsell/Timon Jakli: Jehovas Zeugen im KZ Mauthausen. Widerstand aus religiöser Überzeugung (Empersdorf 2009).
Gerald Hacke: Die Zeugen Jehovas im Dritten Reich und in der DDR. Feindbild und Verfolgungspraxis (Göttingen 2011, Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, hg. von Günther Heydemann, Band 41).
Hans Hesse: „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“: Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus (Bremen 22000).
Hans Hesse/Jürgen Harder (Hg.): „… und wenn ich lebenslang in einem KZ bleiben müßte …“: Die Zeuginnen Jehovas in den Frauenkonzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück (Essen 2001.
Ilse Kammerbauer: Wolfgang Waller, Häftling 1111 – ein Regensburger Zeuge Jehovas in der tödlichen Mühle nationalsozialistischer Verfolgung (Regensburg 22017).
Erhard Klein: Jehovas Zeugen im KZ Dachau. Geschichtliche Hintergründe und Erlebnisberichte (Bielefeld 2001).
Kreismuseum Wewelsburg – Fritz Bauer Institut – Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Widerstand aus christlicher Überzeugung – Jehovas Zeugen im Nationalsozialismus: Dokumentation einer Tagung (Essen 1998).
Gerti Malle: „Für alles bin ich stark durch den, der mir Kraft verleiht.“ Widerstand und Verfolgung der Zeugen Jehovas in der Zeit des Nationalsozialismus in Kärnten (Klagenfurt/Wien 2011).
Winfried Nerdinger/Christoph Wilker (Hg.): Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in München 1933–1945. Publikation zur Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum München (Berlin 2018).
Hubert Roser (Hg.): Freiburger Zeugen Jehovas unter der NS-Diktatur (Freiburg 2010).
Hubert Roser: Widerstand als Bekenntnis: die Zeugen Jehovas und das NS-Regime in Baden und Württemberg (Konstanz 1999).
Regin Weinreich (Hg.): Verachtet. Verfolgt. Vergessen. Leiden und Widerstand der Zeugen Jehovas in der Grenzregion am Hochrhein im „Dritten Reich“ (Häusern/Schwarzwald 2002).
Teresa Wontor-Cichy: Für den Glauben in Haft. Zeugen Jehovas im KL Auschwitz (Oświęcim 2006).
Gabriele Yonan: Jehovas Zeugen: Opfer unter zwei deutschen Diktaturen 1933–1945, 1949–1989 (Berlin 1999).
Eine umfassende Bibliografie findet man in: Gerhard Besier/Katarzyna Stokłosa (Hg.): Jehovas Zeugen in Europa – Geschichte und Gegenwart, Band 3 (Berlin 2018), S. 881–940.