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Anton Egge 1896 - 1945 Bearbeiten

Geboren 5.3.1896 in Stryn
Gestorben 27.2.1945 in Melk

Biografie

Mein Großvater, Anton Egge, wurde am 5. März 1896 in Hjelle in Norwegen geboren. Anton wurde am 12. Jänner 1942 in Bergen verhaftet. Die Nationalsozialisten steckten ihn zuerst ins Bergen kretsfengsel[1], später ins berüchtigte Osloer Gefängnis in Møllergata 19 und ins Häftlingslager Grini. Antons Ehefrau, Nelly Kamilla Egge und sein einziges Kind, meine Mutter Bodil Irene Egge, wussten im Jahr 1942 nicht, dass die Nationalsozialisten Anton bald aufgrund des „Nacht-und-Nebel”-Erlasses nach Deutschland, ins KZ Sachsenhausen (Häftlingsnummer 52770) und später weiter in die Konzentrationslager Natzweiler in Frankreich, Dachau, Mauthausen und dessen Außenlager Melk verschleppen würden.

Mein Großvater wohnte gemeinsam mit meiner Großmutter und Mutter, die das Gymnasium besuchte, in Ålesund, als er verhaftet wurde. Kurz nach der Verhaftung kamen die Nationalsozialisten und zogen in die Wohnung ein. Meine Mutter und Großmutter durften sich nur im Kabinett aufhalten und die Küchentreppe benutzen, während die Deutschen sich im Wohnzimmer der großen und zentral gelegenen Wohnung in Ålesund aufhielten.

Im Mai 1945 empfingen meine Großmutter und Mutter einen Vertreter des Roten Kreuzes an der Tür in Parkgata 1. Ihnen wurde ein Telegramm von der Informationsstelle des Norwegischen Roten Kreuzes überliefert, welches auf 21. Mai 1945 datiert war: „Wir haben die traurige Pflicht, mitzuteilen, dass Reisender Anton Egge, geboren am 5. März 1896 in Stryn, in deutscher Gefangenschaft verstorben ist. Er starb am 28. Februar 1945 in Mauthausens Außenlager Melk. Es wird mitgeteilt, dass der Tod in Melk meistens durch direkte Misshandlung der SS und der Mithäftlinge (kriminelle deutsche Gefangenen) verursacht wurde.“[2]

Der Friedenssommer 1945 wurde für meine Mutter und Großmutter tragisch. Es gab keinen Vater, keinen Ehemann oder Versorger, der nach Hause kam. Es gab auch keinen Leichnam zu beerdigen. Nachdem meine Großmutter im Oktober 1947 von der Polizei in Bergen von der Landsvikavdelingen (Landesverräterabteilung) erfahren wollte, unter welchen Umständen ihr Mann verhaftet worden war, empfing sie den Ermittlungsbericht. Es stellte sich heraus, dass es der Besitz eines satirischen Buches über Hitler (Hitler har sagt det, deutsch Gespräche mit Hitler), einer illegalen Zeitung und einiger Papierlappen mit Notizen aus der Londoner Nachrichten war, die meinen Großvater ins Höllenlager KZ Mauthausen und dessen Außenlager Melk geführt hatten.

Meine Mutter hat erzählt, dass ihr Vater, Anton, ein lieber Papa war, lustig und klug. Er las viel und sprach unter anderem fließend Deutsch. Er betrachtete Deutschland als eine große Kulturnation und schickte 1937 meine Mutter auf einen deutschen Kulturaustausch. Ein deutsches Mädchen wohnte bei ihnen in Ålesund, nachdem meine Mutter auf einem einwöchigen Aufenthalt in Berlin war. Auf Fotos ist Anton immer von Familie und Freunden umgeben und scheint immer im Mittelpunkt zu stehen, vor Energie, Fröhlichkeit und Engagement strahlend.

Ich habe die Präsenz meines Großvaters durch die unverarbeitete Trauer und das unverarbeitete Trauma meiner Großmutter und Mutter gespürt. Eine Trauer, so groß und durchdringend, dass ihre Stimmen meistens brachen, wenn ich das Thema berührte.

Ich erinnere mich an die Panikreaktion meiner Mutter, wenn die Medien die Horror-Szenen aus den Konzentrationslagern zeigten, große Leichenhaufen und „Muselmänner“.

Sissel Egge

Sissel Egge ist die Enkelin von Anton Egge.

 

Aus dem Norwegischen von Lykke Larsen / Merethe Aagaard Jensen

 


[1] Anm. d. Ü.: Gefängnis in Bergen für Untersuchungshäftlinge und Personen mit kürzeren Gefängnisstrafen.

[2] Laut Totenbuch des SS-Standortarztes Mauthausen (AMM Y/46) starb Anton Egge am 27. Februar 1945.

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