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Johann Reinhardt 1900 - 1942 Bearbeiten

Geboren 11.10.1900 in Steinenkirch
Gestorben 2.2.1942 in Gusen

Biografie

Der am 11. Oktober 1900 in Steinenkirch im Landkreis Geislingen geborene Johann Reinhardt wohnte mit seiner Frau Emma und den vier Kindern in Sindelfingen bei Stuttgart. Er arbeitete als Händler und Bauhilfsarbeiter, Emma Reinhardt bis November 1942 zeitweise bei der ebenfalls in Sindelfingen ansässigen Firma Daimler-Benz. Im deutschen Südwesten[1] lebten auch die Eltern von Emma und Johann sowie die Familien ihrer Geschwister.

Die Reinhardts waren Angehörige der Minderheit der Sinti, damals landläufig als „Zigeuner“ bezeichnet, denen die Mehrheitsgesellschaft, lange bevor die Nationalsozialisten die politische Macht inne hatten, mit Misstrauen und vielerlei Vorurteilen begegnete, die von den Polizeibehörden willkürlich schikaniert und in einer von der Kriminalpolizei geführten „Zigeunerdatei“ erfasst worden waren. Laut nationalsozialistischer Rassenideologie, die nach dem 30. Jänner 1933 schrittweise zur alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringenden Staatsideologie wurde, waren die Sinti eine „fremdrassige“ Minderheit und galten als „geborene Asoziale“. Wie die jüdische Bevölkerung wurden sie nach und nach entrechtet und mehrheitlich in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert, oder als Zwangsarbeitende eingesetzt.

Johann Reinhardt und seinen Vater Franz Anton Reinhardt nahm die Kriminalpolizei am 7. Juni 1938 fest. Sie waren zwei der mehr als 10.000 Männer, die als sogenannte „Asoziale“ im April und Juni 1938 im Rahmen der reichsweiten Verhaftungsaktion mit der Bezeichnung „Arbeitsscheu Reich“ in Konzentrationslager deportiert wurden. Der Festnahmebefehl kam aus Berlin und trug die Unterschrift des Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler. Vater und Sohn Reinhardt waren nicht die einzigen Sinti, die man trotz eines festen Wohnsitzes und Arbeitsplatzes damals festnahm, obwohl die systematische Verfolgung der Sinti und Roma offiziell erst später einsetzte. Ab März 1939 wurden ihre deutschen Pässe eingezogen und durch mit „Z“ gekennzeichnete „Rasseausweise“ ersetzt. Ab 1941 wurden sie in die Vernichtungslager verschleppt.

An jenem 7. Juni 1938 begann für Johann Reinhardt eine mehrjährige Odyssee als KZ-Häftling, der den schwarzen Winkel der Kategorie „Asozialer“ zu tragen hatte. Ende Juni 1938 traf er in Dachau ein, im März des Folgejahres ging es weiter in das KZ Mauthausen, nach eineinhalb Monaten wieder zurück ins KZ Dachau. Von September 1939 bis Mai 1941 war er im KZ Buchenwald und kam von dort am 22. Mai 1941 ins KZ Gusen, wo er am 2. Februar 1942 im Alter von 42 Jahren an den Folgen der jahrelangen systematischen Unterernährung und harten Arbeit verstarb.

Fast ein Jahr nach seinem Tod nahm die Kriminalpolizei den Kindern auch die Mutter. Emma Reinhardt wurde, wie viele Angehörige der Sinti, ins KZ Auschwitz deportiert und verstarb dort am 7. Februar 1943. Den Kindern Rosina, Sonja, Franz und Johann, im Jahr 1943 zwischen zehn und 17 Jahre alt, blieb die Deportation in ein Konzentrationslager erspart. Sie lebten fortan bei den Großeltern mütterlicherseits. Großvater Ferdinand verdiente den Lebensunterhalt für die nunmehr auf sechs Personen angewachsene Familie, indem er aus gesammeltem Holz Kochlöffel schnitzte und sie bei Bauern gegen Lebensmittel eintauschte.[2]

Die Kinder von Johann und Emma Reinhardt haben die Nazidiktatur bei den Großeltern fern von Stacheldraht, medizinischen Versuchen und SS-Terror überlebt. Manche Verwandte kehrten nach der Befreiung im Mai 1945 zurück und mussten mit der Gewalterfahrung in den Konzentrations- und Vernichtungslagern weiterleben. Die Lager nicht überlebt haben neben Johann und Emma Reinhardt sechs ihrer Brüder, eine Schwester sowie drei kleine Nichten und Neffen.

Ingrid Bauz

Ingrid Bauz ist Angestellte im Bereich internationaler Schüleraustausch, Mitglied im Vorstand des Mauthausen Komitee Stuttgart e.V. und Schriftführerin des Comité International de Mauthausen. Zahlreiche Veröffentlichungen über Widerstand und Verfolgung während des Nationalsozialismus mit den Schwerpunkten KZ Mauthausen und Stuttgart.

 

Quellen:

Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 350 I Bü 13699.



[1] Vgl. Angela Bachmair: Wir sind stolz, Zigeuner zu sein (Augsburg 2014), S. 97.

[2] Vgl. ebd., S. 103.

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