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Bedřich Lamm 1930 - 1945 Bearbeiten

Geboren 23.1.1930 in Moravská Třebová
Gestorben 13.5.1945 in Mauthausen

Biografie

Bedřich Lamm – Symbolfigur der Verfolgung jüdischer Kinder in Moravská Třebová durch die Nazis

Bedřich wurde in der Zwischenkriegszeit in die traditionelle jüdische Familie Lamm hineingeboren.

Sein Vater Alfréd hatte im Jahr 1900 in Lichnov u Bruntálu als erstgeborener Sohn von Rosalie und Salomon Lamm das Licht der Welt erblickt. Er hatte einen jüngeren Bruder Bruno, der sich nach dem Studium in Liberec niederließ, wo er heiratete und als Bankbeamter arbeitete.

Josefina, die Mutter von Bedřich, wurde im Jahr 1900 als drittes und letztes Kind der Eheleute Jette und Sigmund Holzmann in Moravská Třebová geboren. Ihr ältester Bruder war Oskar, dieser wurde im Ersten Weltkrieg schwer verwundet, kehrte jedoch letztendlich glücklich nach Hause zurück. Ihre Schwester Klara heiratete Heřman Kurz aus Prostějov. Sie lebten zusammen in Prostějov in der ul. (Straße) Žeranovského und betrieben einen Gemischtwarenladen in der Stadt. Interessant ist, dass die Eheleute Kurz gleichzeitig auch Cousin und Cousine waren. Die Mutter von Heřman war nämlich die ältere Schwester von Jette Holzmann.

Alfred und Josefine schlossen im Jahr 1929 die Ehe und fanden ihr Zuhause bei Josefines Eltern in Moravská Třebová in der Holzmaisterstraße Nr. 35 (jetzt ul. Lanškrounská 35), wo sie ein Stoffgeschäft betrieben. 1930 wurde Sohn Bedřich geboren.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1938 wurde ein Teil der Tschechoslowakei abgetrennt und es entstand der aus drei Bezirken bestehende Reichsgau Sudetenland. Moravská Třebová wurde in den Regierungsbezirk Opava eingegliedert. Wegen Sicherheitsbedenken entschieden sich die Eltern von Bedřich, ihren damals achtjährigen Sohn nach Prostějov zu schicken, wo er bei Tante Klara und Onkel Heřman eine vorübergehende Bleibe fand. Sie selbst blieben jedoch in Moravská Třebová, da sie weder ihr Gewerbe noch Josefines 72-jährige Mutter im Stich lassen wollten.

Im Frühjahr 1939 besetzte die deutsche Wehrmacht auch den Rest der Tschechoslowakei, wodurch das sog. Protektorat Böhmen und Mähren entstand. Die Repression der jüdischen Bevölkerung nahm zu und wirkte sich auch auf Bedřichs Familie stark aus.

Das erste Opfer wurde die Ehefrau des Onkels Bruno, Rosa, die unter dem systematischen Druck der Gestapo zusammenbrach. Sie verstarb im Juni 1941 in einem Sanatorium. Ende des Jahres 1941 nahm die Gestapo auch Onkel Bruno fest und deportierte ihn in das Ghetto in Theresienstadt (Terezín). Im Juli 1942 wurde auch der kleine Bedřich zusammen mit seiner Schwester Klara und seinem Onkel Heřman in das Ghetto deportiert. Ein Jahr später wurde das Ehepaar Kurz nach Auschwitz überstellt, wo sie ums Leben kamen. Im August 1942 verstarb Oma Jette, ihre sterblichen Überreste wurden auf dem katholischen Friedhof in Moravská Třebová bestattet. Im Herbst des gleichen Jahres wurde auch die andere Oma, Rosalie Lamm, in hohem Alter nach Theresienstadt deportiert, wo sie ein Jahr später starb. Im Februar 1943 deportierte die Gestapo Bedřichs Eltern und seinen Onkel Oskar gewaltsam nach Osten. Die Transporturkunde vom 27. Februar 1943 ist die letzte Erwähnung der Eheleute Lamm und des Onkels Oskar. Im Mai 1944 wurden Bedřich und sein Onkel Bruno in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert. Bedřich überstand die Selektion zu Beginn und setzte seinen Weg mit der eintätowierten Häftlingsnummer A 2434 in das Außen-Arbeitslager Auschwitz-Sosnowitz (Sosnowiec) fort. Auch Onkel Bruno überstand die Selektion und endete im Außenlager Blechhammer.

In Sosnowitz wurde Bedřich in einer Fabrik zur Herstellung von Geschützbauteilen eingesetzt. In der zweiten Januarhälfte 1945, als sich die Rote Armee dem Lager näherte, wurde dieses aufgelöst und die Häftlinge wurden auf einen leidvollen Todesmarsch nach Opava getrieben. Die Überlebenden erreichten am 26. Januar abends das Ziel und übernachteten auf zwei Gutshöfen. Am Montagvormittag wurden die restlichen Häftlinge vom Bahnhof Ostrava auf offenen Güterwagen in das Konzentrationslager Mauthausen abtransportiert. Dieser Transport kam Anfang Februar 1945 in Mauthausen an und war der letzte in Mauthausen eintreffende Transport aus Auschwitz.

Während des Todesmarsches hatte Bedřich seinen 15. Geburtstag. Er traf in ernstem Gesundheitszustand mit schweren Erfrierungen am Fuß in Mauthausen ein. Der fast kraftlose Körper wurde ohne Hilfe im Block für die Sterbenden, der mit „Kreuz 30“ bezeichnet wurde, seinem Schicksal überlassen. Trotzdem gewann er den Kampf um sein Überleben und erhielt die neue Häftlingsnummer 125827. Die Befreiung durch amerikanische Soldaten erlebte er noch, konnte die Freiheit jedoch nicht lange genießen. Am 13. Mai 1945 erlag er der Tuberkulose trotz Behandlung durch das 131. Evacuation Hospital der US-Army, welches in Mauthausen tätig war.

Von der ganzen Familie überlebte allein sein Onkel Bruno die Verfolgung durch die Nazis. Während der Bombardierung des Lagers wurde er verwundet und blieb in der Krankenstation, während die übrigen Häftlinge auf den Todesmarsch getrieben wurden. Wie durch ein Wunder überlebte er auch das anschließende Massaker in der Krankenstation. Nach dem Krieg heiratete er ein zweites Mal und zog seine Tochter Daniela auf. Im Jahr 1980 verstarb er an einer Herzkrankheit, wurde eingeäschert und in einem Gemeinschaftsgrab in Liberec beigesetzt. Seine zweite Ehefrau Regina starb im Jahr 1992. Daniela ist gegenwärtig die einzige noch lebende Person, durch welche die Familie Lamm mit der Gegenwart verbunden ist. Sie ist die Stiefcousine des jungen Bedřich.

Im Jahr 2021 begann Vladimír Nevlud eine historische Forschung zu Bedřich Lamm und seiner Familie, die in die Errichtung eines dauerhaften historischen Denkmals für Bedřich Lamm und seine Nächsten mündete.

Im Jahr 2023 wurde in Prostějov an der ul. Žeranovského vor dem Haus Nr. 17 durch den Verein CEBENA – cesta bezmoci a naděje z.s. (Straße der Ohnmacht und Hoffnung) ein „Stein des Verschwundenen“, als Erinnerung an den ersten tschechischen Häftling des Todesmarsches und Todestransportes Auschwitz–Opava–Mauthausen, aufgestellt. Die Gelder für dessen Anfertigung wurden dem Verein CEBENA von der Opavaer Firma HAVEL – VRATA / MARKÝZY / ROLETY s.r.o. (HAVEL – TORE / MARKISEN / ROLLOS GmbH) zur Verfügung gestellt.

Ende des Jahres 2023 enthüllte der Verein CEBENA zusammen mit der Stadt Moravská Třebová eine Gedenktafel für die Familien Lamm und Holzmann. Später wurden für die Eheleute Lamm und den Onkel Oskar Holzmann an der gleichen Stelle ebenfalls „Steine der Verschwundenen“ aufgestellt.

Im Jahr 2025 wurde im Rahmen des Projekts „Nikdo by neměl být zapomenut aneb příběh mladého židovského chlapce z Moravské Třebové“ („Niemand soll vergessen werden oder die Geschichte des jüdischen Jungen aus Moravská Třebová“) Bedřich in die Liste der bedeutenden Persönlichkeiten der Stadt Moravská Třebová eingetragen. Anlässlich seines Geburts- und Todestags haben Hunderte Schüler und Studenten der örtlichen Schulen bei einer langen Prozession mit angezündeten Kerzen, begleitet vom Glockengeläut der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt, an seine Lebensgeschichte erinnert. Die Schirmherrschaft über das Projekt übernahmen der stellvertretende Vorsitzende der Abgeordnetenversammlung des Parlaments der Tschechischen Republik, Jan Bartošek, der stellvertretende Landeshauptmann der Region Pardubice, Pavel Šotola, die Vereinigung der jüdischen Gemeinden in der Tschechischen Republik sowie die Gedenkstätten Terezín und Mauthausen. Autor des Projekts war Vladimír Nevlud, der Vorsitzende des Vereins CEBENA. In diesem Jahr wurde der Gedenkstein für Bedřich Lamm in das internationale Projekt „Internationale Gedenktafeln Mauthausen“ in Österreich aufgenommen.

 

Vladimír Nevlud, Vorsitzender des Vereins CEBENA – cesta bezmoci a naděje z. s. (Straße der Ohnmacht und Hoffnung) (2025)

 

Vladimír Nevlud – Autor der Biografie von B. Lamm:

„Keiner von uns kann sich aussuchen, an welchem Ort und in welche Zeit er hineingeboren wird. Der junge Bedřich hatte nicht so viel Glück wie wir, ein vollwertiges Leben leben zu können. Er kämpfte gegen ein ungerechtes Schicksal. Er wollte einfach nur leben. Er hat sieben lange Jahre unermesslicher Qualen, Schläge und Erniedrigungen ertragen, bevor sein großes und trauriges Herz schon am achten Tag der erträumten Freiheit zu schlagen aufgehört hat. Diese Geschichte sollte für uns eine Mahnung sein und gleichzeitig eine Gelegenheit, uns bewusst zu machen, wie glücklich unser aller Leben heutzutage ist.“

Daniela Krondáková – Tochter von Bedřichs Onkel Bruno:

„Bedřichs Onkels Bruno wurde nach dem Krieg Ehemann meiner Mutter und damit auch mein Onkel. Er war ein sehr gebildeter und bescheidener Mensch, gleichzeitig jedoch sehr verschlossen und still. Er lehrte mich die Liebe zur Literatur und führte mich zu einer aktiven Lebensweise. Über die Leiden, denen er im Krieg ausgesetzt war, sprach er nie. Erst durch seine Enkel erfuhr er innere Befreiung und Ruhe. Er war mir im Leben eine große Stütze und ich habe ihn deshalb sehr geliebt.“ 

Dieser Lebenslauf ist Teil der Datenbank der Häftlinge des Todesmarsches Auschwitz – Opava – Mauthausen, deren Schicksal erforscht wurde. Sie wurde vom Vorsitzenden des Vereins CEBENA – cesta bezmoci a naděje z. s. (Straße der Ohnmacht und Hoffnung), Vladimír Nevlud, zusammengestellt. In dieser Datenbank ist Bedřich Lamm unter der Nr. 672 aufgeführt.

(CEBENA - Cesta bezmoci a naděje, z. s. | Pustá Polom | Facebook)

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