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Ernesto Venegoni 1899 - 1945 Bearbeiten

Geboren 19.8.1899 in Legnano
Gestorben 27.3.1945 in Linz

Biografie

Ich schicke Ihnen hier einen Brief von Herrn Boccaccio aus Turin an meine Großmutter Giuseppina, in dem er die letzten Tage meines Großvaters Ernesto beschreibt. Ich schicke Ihnen auch ein Foto meines Großvaters Ernesto. Ich las den Brief immer wieder und musste weinen. Ich bin froh, dass es Ihre Initiative gibt – ich kann mir eine Zukunft ohne Erinnerung nicht vorstellen.

„Turin, 2.8.45

Sehr geehrte Frau,

Ich habe Ihren Einschreibebrief erhalten, auf den ich umgehend antworte. Ich verstehe, dass Sie sich Auskünfte erwarten, wenn sie auch für Sie und Ihre beiden Kinder sehr schmerzhaft sind. Wie ich dem Informationsbüro in Bozen schon mitteilte, bestätige ich Ihnen nun brieflich, dass mein seliger KZ-Kamerad Ernesto Venegoni am Morgen des 27.3.45 nach vierzig Tagen Krankheit im Krankenrevier des Konzentrationslagers Linz gestorben ist, wo er mit mir eine Pritsche teilte. Dorthin wurde er am 16.2.45 überstellt, weil er an TBC erkrankt war, was auf die Strafen, den Hunger und die schweren Arbeiten zurückzuführen war, nicht zuletzt auch auf die Schläge, die uns unsere Henker von der deutschen SS verpassten. Was sein Abzeichen mit der Häftlingsnummer anlangt, so übergab ich es einem Kriegsgefangenen, den ich in Linz kennengelernt hatte. Er hatte mir erklärt, dass er aus Legnano wäre, und mir versichert, dass er sofort nach seiner Ankunft in Legnano seiner Pflicht nachkommen würde. Ich notierte ihm Ihre Adresse, die mir der arme Ernesto zwei Tage vor seinem Tod hinterlassen hatte, auf einem Zettel, ebenso den Tag seiner Überstellung in das Krankenrevier, den Tag seines Todes und die Häftlingsnummer. Ich kann nicht verstehen, wie jemand auf eine derart wichtige Aufgabe vergessen kann. Es war mein Fehler, dass ich in diesem Moment nicht daran dachte, nach seinem Namen zu fragen, aber sicher ist Ihnen begreiflich, dass ich in guter Absicht handelte. Falls Sie sich für ihn interessieren, sehr geehrte Frau, es ist ein Militärinternierter, der am 17. Juni gemeinsam mit uns politisch Verfolgten von Linz in Richtung Italien abreiste, am 19. Juni in Bozen ankam, und gewiss am 20.7.45 in Ihrer Stadt.

Um nun zum liebenswerten Verstorbenen zurückzukommen, so kann ich Ihnen versichern, dass er stets mit großer Zuneigung von Ihnen sprach, ebenso von Ihren beiden Kindern, vom Bruder, kurzum von der ganzen Familie. Aber besonders häufig sprach er von den Kindern, er erklärte, dass das Mädchen liebenswürdig war, der Junge braunhaarig, dass beide ausgesprochen rechtschaffen und auch anhänglich waren.

Er litt sehr unter dieser schlimmen Krankheit, gegen die er von diesen Bestien weder Medikamente noch sonst eine Behandlung erhielt. Er starb bei wachem Verstand und dachte dabei an Sie, sehr geehrte Frau, an seine Mutter, die er in den schlimmsten Momenten anrief, und auch an die Kinder.

Und nun, sehr geehrte Frau, höre ich auf, da es auch für mich äußerst schmerzhaft ist, diesen Brief zu schreiben.

Ich lade Sie hier in mein Haus ein, sobald es Ihnen möglich ist, damit ich Ihnen besser und ausführlicher von all den Monaten im Konzentrationslager erzählen kann, die ich dort gemeinsam mit dem seligen Verstorbenen Ernesto Venegoni verbrachte.

Nehmen Sie und auch Ihre lieben Kinder das von mir und meiner Frau zutiefst empfundene Mitgefühl entgegen.

Ernesto Boccaccio, Torino”

 

Roberto Venegoni

Roberto Venegoni ist der Enkel von Ernesto Venegoni. 

 

Aus dem Italienischen von Ralf Lechner

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